Allzu private Gedanken zu Depressionen

Heute jährt sich Robert Enkes Todestag zum 10. Mal. Ich war damals gerade nach Braunschweig gezogen, die erste WG, alles war sehr aufregend. Am Abend zuvor bin ich lang auf einer Feier gewesen, verbrachte den Tag verkatert und ohne Nachrichten. Für Fußball interessierte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass Robert Enke sich das Leben genommen hatte, traf mich am Abend eiskalt.

Eine Person in meinem direkten Umfeld war an Depressionen erkrankt. Ich hatte wenig Wissen über diese Krankheit und verstand erst im Laufe dieser Zeit, dass auch meine Mutter Jahre lang mit dieser Krankheit gelebt hat. Plötzlich wurde klar, warum sie immer wieder mit Herzrhythmusstörungen im Krankenhaus gewesen ist, welche Medikamente sie genommen hat, welche davon ihr irgendwann endlich geholfen haben. Weil endlich darüber gesprochen wurde.

Dann wurde ein anderes, mir sehr vertrautes Gesicht plötzlich immer grauer. Kein Tempo mehr in seiner Sprache, keine Scherze mehr, keine Entgegnungen. Sondern eine Person, die auf dem Sofa in meinem WG-Zimmer sitzt, weil sie sich davor fürchtet, in der eigenen Wohnung zu sein solange die Reinigungskraft dort arbeitet. Ratloses Schweigen an irgendwelchen viel zu tiefen Bäckereitischen, Stress dabei, sich mit Blick auf die Frühstückskarte für etwas zu entscheiden.

Er hätte jeden Tag sterben können, ohne zu müssen. Aber was ist schon der freie Wille, wenn die Seele von einem Monster besetzt ist? In diesen Wochen habe ich verstanden, dass alle diese Leben endlich sind. Ich fürchte diese Krankheit, denn sie ist als Gift in Menschen, die ich liebe. Sie ist der ewig schorfige Schnitt innerhalb meiner Familie. Ohne den ich einerseits nie geboren worden wäre. Andererseits ist diese Jahre vor meiner Existenz geschaffene Voraussetzung eben jener, dieser Entschluss einer mir fremden Person, das, was ich am meisten hasse auf der Welt. Meine konkrete Phobie außer Acht gelassen: Nichts jagt mir derart viel Angst ein, wie die Vorstellung, dass mich dieses Gespenst befällt.

Depressionen sind keine Stimmung, keine Laune, keine Schwäche und nicht die Abwesenheit von Willenskraft. Die chemischen Prozesse, die in unserem Hirn dafür sorgen, dass wir funktionieren, sind empfindlich und wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten, kann sich außerhalb des Schädels das beste Leben in einem Teich voll Seerosen spiegeln. Das sogenannte ‚Glück‘ findet keine Rezeptoren und kann ohne sie nicht empfunden werden, auch nicht, wenn dem verstehenden Ich klar ist, dass dieses Leben ein gutes ist, eigentlich.

„Eine erbliche Vorbelastung trägt nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu der Entstehung einer Depression wesentlich bei. Denn Depressionen treten familiär gehäuft auf. Sind Verwandte ersten Grades betroffen, liegt die Gefahr, selbst eine Depression zu entwickeln, bei etwa 15%.“, heißt es auf einer Internetseite. Ich weiß nicht, ob ich das in mir trage. Ob es ein Schatten dessen ist, der mich manchmal nach Feierabend vom Bett aus an die Decke gucken lässt, überfordert von dem Gedanken, noch einkaufen gehen zu müssen, weil der Hund sonst kein Futter hat. Ich bin kein psychisch kerngesunder Mensch und irgendwie entlastet mich diese Erkenntnis inzwischen, weil ich Tiefpunkte nicht mehr mit einer Schwäche verbinde, die ich bei anderen nicht sehe, sondern als Symptom von etwas, auf das ich nicht immer Zugriff habe.

Das ist von außen so schwer nachzuvollziehen. Ich kann es bei mir selbst kaum, wie soll das von außen wirklich möglich sein. Meine Überlegung ist, dass genau diese widersprüchliche Schnittstelle dasjenige ist, das uns am Schicksal von Robert Enke derart erschreckt, schockiert und rührt: Eine Person, die große Stärke ausstrahlt, Souveränität, Ruhe, Kontrolle. Im Tor, auf dem Platz und nicht zuletzt daneben. Und natürlich treffen diese Attribute auf ihn zu – nur konnte keines davon gegen diese Krankheit etwas ausrichten. Auch die Liebe nicht, von der Teresa Enke sagt, dass sie beide dachten, dass es „mit ihr geht“. Nichts. Und wenn einem die Brutalität dieser leeren Endgültigkeit keine Angst einjagt, dann weiß ich nicht, was es sonst könnte.

Es ist wichtig, das ernst zu nehmen. Auch wenn es nervt, sich ständig mit etwas konfrontiert zu sehen, das man nicht wirklich verstehen und noch weniger nachvollziehen kann. Den Worten glauben und sich ab und an mit hineinbegeben in das Ringen nach den passenden Formulierungen, um ab und an eben doch eine Verbindung schlagen zu können zwischen Innen und Außen. Auch wenn’s keinen Spaß macht und man sich liebt.

 

Unruhige Tage.

Noch fünf Mal schlafen bis zum Beginn der Expositionswoche. Der Plan hat sich heute ein wenig verändert. Ich werde allmählich unruhig.

Diese Tage sind nicht gut. In einem Maß, wie ich es schon länger nicht mehr hatte. Ich habe meinen Appetit verloren und lag gestern nach Feierabend einfach auf meinem Bett und habe aus dem Fenster geschaut, allerdings nicht auf diese zufriedene Art und Weise wie noch vor einer Woche.

Ich habe gestern einen neuen Job angetreten und irgendwie ging es mir nicht so gut. Ich hatte mich nachts verlegen und Kopfschmerzen. Bis zum Mittag nicht gegessen, darauf eine Ibu. Ich weiß, dass mich das triggert und es ist ein großer Erfolg der Therapie, dass ich daran im Vorhinein kaum mehr einen Gedanken verschwende, sondern das Risiko, dass mir davon schlecht wird einfach eingehe. Also sitze ich da gestern, Zweiersituation mit meiner neuen Vorgesetzten und der Hals wird immer enger. Ich kaue trockenmündig auf meinem Brot herum und schlucke unentwegt. Ich rechne die Strecke bis zur Toilette aus und überlege mir eine handvoll plausibler Erklärungen für eine plötzliche Unterbrechung des Gesprächs. Hintern und Beine sind kalt und kribbeln, ich habe meine Hände nicht mehr richtig unter Kontrolle und denke mal wieder: Man muss es mir ansehen. Es geht nicht anders. Aber das ist nicht der Fall. Sie erzählt weiter ruhig von Museen in Sankt Petersburg und ich fühle mich gefangen.

Der Kloß hat sich auch heute in den Hals geschlichen. Plötzlich war er da und die Hände wurden kalt. Ich schäme mich immer noch so sehr dafür.

Dann kam mittags eine Nachricht: Ich soll nächsten Samstag einen Vortrag halten. Eine größere Veranstaltung, ich vertrete jemanden und werde deren fertig ausgearbeiteten Vortrag übernehmen. Das bedeutet, dass ich 30 Minuten lang für Geld vor Menschen stehen und sprechen werde. In dieser Dimension ist das neu für mich. Ich freue mich extrem über diese Form der Anerkennung und habe sofort zugesagt. Es ist nun allerdings auch hier der Fall, dass meine Gedanken um das Erbrechen kreisen. Versprecher, Fehler, Stottern, Hänger – das ist mir alles denkbar wurscht. Vor Leuten zu sprechen hat mir noch nie Angst bereitet. Mein Kopf ist beherrscht von dem Szenario: Ich kotze den Leuten auf die Festtafel. Der Vortrag fällt deshalb leider aus. Erwartungen enttäuscht. Menschen angeekelt. Plan gestört. Schlecht.

Ich habe meine Therapeutin angerufen, weil der Tag mitten in der Expositionswoche liegt und ich nicht beides – die eigentlich geplante Konfrontation im Reisebus und den Vortrag – machen möchte. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich mal schaue, ob ich für den Rückweg eine Mitfahrgelegenheit finde, sonst ist Zug fahren auch in Ordnung und ich setze die Expo am nächsten Tag wie angedacht fort.

Außerdem hatte ich noch eine zweite Frage an sie: Ich soll mich im Anschluss an die Woche belohnen. Nach jeder einzelnen Exposition soll ich mir etwas Gutes tun (lecker essen, ein Buch kaufen, nicht zur Arbeit gehen o.Ä.) und zum gänzlichen Abschluss etwas wirklich Schönes machen. Ich denke darüber nach, für zwei Nächte wegzufahren und wollte sie fragen, welches Reisemittel ich wählen soll. Fünf Stunden Busfahrt wirken aktuell nicht wie der krass-positive Scheiß. Sie ermutigte mich aber, den Ausflug genauso zu planen: Hinfahrt mit dem Bus („In meinem therapeutischen Optimismus hoffe ich aktuell, dass das bis dahin kein Problem mehr für Sie darstellen wird.“), kleine Alltagspause, Rückfahrt mit dem Zug.

Mein Herz schlägt so schnell bei dem Gedanken daran. Ich bin gerade wirklich dünnhäutig, empfindlich, nicht zufrieden zu stellen. Diese große Negativität des Gefühls ist nicht ohne Strahlung und wirkt sich auf jeden Lebensbereich aus. Sie macht alles anstrengender und weniger schön, weil sie einfach allem in irgendeiner Form anhaftet.

Ich mag diese Phase gar nicht und sträube mich zusehends gegen den gefassten Plan. Ein großes Gefühl der Überforderung taucht immer wieder auf und ich sehne mich nach einer tiefen Umarmung. Körperkontakt beruhigt. Spazieren gehen aber auch – umso besser, dass der Hund sowieso nochmal raus muss.

Angst ist wie Liebeskummer.

Weitermachen wollen. Aber nicht weitermachen können: Liebeskummer zeigt jedem Menschen die Grenzen von Rationalität und Wille auf.

Seitdem ich mit Leuten über meine Angst rede, ringe ich um Worte, sie zu beschreiben, denn ich stoße immer wieder auf Unverständnis und damit meine ich nicht, dass mir kein Mitgefühl entgegen gebracht wird. Sondern ich meine, dass ich einer Hilflosigkeit gegenüber Grenzen begegne, die man nicht überwinden wird, wenn man noch nie einer völlig irrationalen Panik ausgesetzt gewesen ist. Das klingt tragischer, als es tatsächlich ist. Gestern sagte mir ein Freund nüchtern und direkt, dass er sich die Exposition wirklich einfühlend versuche vorzustellen – aber der Gedanke, eine Woche lang täglich eine Stunde lang irgendwie rumzufahren, den finde einfach nur langweilig. An guten Tagen fehlt mir die Vorstellung sogar selbst. Sowas passt doch eigentlich auch gar nicht zu mir: Ich tendiere nicht zu emotionalen Extremen, Drama nur im Suff, sonst wird zunächst abgewogen und nachgedacht. Wie geht das?

Es ist schwer zu erklären. Wirklich schwer. Vorallem, wenn Situationen dieses starke Gefühl der Angst auslösen, denen objektiv jede wirkliche Gefahr aberkannt werden kann. Ich meine, Flugangst ist ja tatsächlich nachvollziehbar. Wenn das Ding abstürzt, sind alle tot. Dass ich im Flieger sitze, an diese Option keinen Gedanken verschwende, weil alles um die Kotztüte vor mir kreist: Seltsam.

Menschen sagen: “Das ist doch nicht schlimm.” und haben recht dabei. Daher hier der nächste Versuch eines Vergleichs: Verliebt sein. Kann eine enorm gute Sache sein. Schmetterlinge, kitschige Nachrichten, Aufregung. Die ersten Verabredungen, noch schnell ein Kaugummi einwerfen, Vorfreude, küssen, küssen, küssen. Läuft. Die Gedanken kreisen in einem fröhlichen Karussell um die zuckerwattesüßen Blicke des anderen Menschen und die Finger werden stromschlagschnell kalt, wenn das Handy brummt: Herzchenaugensmiley!

Nun kennen wir lebensgeplagten Menschen natürlich auch den anderen Fall. Wir lernen jemanden kennen und irgendwie ist da was. Wie der guckt, wenn wir uns unterhalten. Sie schreibt immer so nett zurück. Neulich hat er mir einen Schokoriegel abgegeben. Warum sollte sie sonst meinen Post liken.

Das erste Mal schlimm unglücklich verliebt war ich während des Abis. Er hieß Martin, wollte Theaterregie studieren und hatte schiefe, weiße Zähne, die ich genau so toll fand wie ihn. Er fand das leider nicht zurück und ich lief wieder und wieder gegen seine Wand, befeuert von hundert absurden Interpretation seiner Ablehnung, gebremst von meinen Freunden.

Aber alles Reden hatte einfach keinen Zweck. Selbst als ich verstanden hatte, dass Martin sich nicht einmal zu einer harmlosen Knutscherei würde bewegen lassen. Nicht dieses ahnende Verstehen, dass wir vielleicht doch nicht heiraten. Nein, diese aufrichtige, kummervolle, selbsterniedrigende Erkenntnis: Er. Will. Nichts. Von. Dir. Gar nichts.

Das ist nun ein relativ harmloses Beispiel im Kontext von dem, was Liebeskummer sein kann. Eine Tortur. Kopfschmerzen vom Heulen und dabei die klägliche Perspektive der Vernunft auf sich, diesen weinenden Wurm, die das Wissen schon längst ins Hirn gepflanzt hat: Es bringt nichts. Oh, tränenreiches Elend – hör’ doch auf, es ist vorbei. Und irgendwann auch die Freunde, die sagen: “Du weißt doch, dass er nicht zurückkommen wird.” und das weiß man und irgendwann ist man die Heulerei leid. Weitermachen wollen. Aber nicht weitermachen können.

Liebeskummer zeigt jedem Menschen die Grenzen von Rationalität und Wille auf. Normalerweise klingt er irgendwann ab. In Anbetracht von zig “Mit diesen Tricks kommst Du schneller über ihn hinweg.”-Blogs [87% davon gelesen] gerät dabei manchmal in Vergessenheit, dass es einfach kein Rezept gibt. Manche Sachen lindern den Schmerz [Essen und Essen bspw.], eigentlich kann man aber nur warten und auf das hoffende Wissen setzen: Es geht vorbei. Auch diesmal.

Der Wille kommt nicht gegen dieses extrem unangenehme Gefühl an, für das in hartnäckigen Fällen manchmal auch die besten Freunde kein Verständnis mehr aufbringen können. Nachvollziehbar, dass das Umfeld sich bei Treffen wieder mit anderen Dingen als der aufwändigen Betrachtung der Zeichensetzung in Kurznachrichten widmen möchte. Und dann steht der oder die Liebeskummerhabende allein dort, einzige Gesellschaft ist der Wunsch, dass es endlich aufhören möge. Diese unvernünftig-optimistische Traurigkeit, der inzwischen jeder sachliche Boden entzogen worden ist.

Meiner Angst fehlt dieser sachliche Boden ebenfalls und genau das löst in mir immer noch eine ungeheure Scham aus. Es kostet mich Überwindung, meine damit einhergehenden Bedürfnisse zu artikulieren, weil ich sie nicht erklären kann. Sie ist da, als Teil meiner Person und Persönlichkeit und leider nicht wie die gängige Herzschmerz mit einem Verfallsdatum versehen.

Über Exposition.

Morgen habe ich die letzte Therapiesitzung vor der Exposition. Es ist die 21. Einheit meiner Therapie, seit März bin ich in Behandlung. Ich habe mit meiner Therapeutin in dieser Zeit über zahlreiche Dinge gesprochen: Natürlich über meine Angst, die Situationen, in denen sie auftritt und all das, was mit diesen Situationen verbunden ist. Ziemlich allgemein gesagt sind das: Die Menschen, mit denen ich mich umgebe und meine Beziehung zu ihnen. Außerdem, was mir in Beziehungen schwer, was leicht fällt. Weshalb ich so viel rede. Wovor ich mich in diesen Beziehungen fürchte. Warum ich so schlecht sagen kann, wenn mir etwas nicht gefällt oder ich mich unwohl fühle.

Ich habe immer viel und gern über „diese Dinge“ gesprochen, aber die Erkenntnisse der letzten Monate hatten eine Wucht, die mich besonders zu Beginn wortwörtlich von den Füßen gerissen hat. Ich würde im Rückblick durchaus von Krise sprechen wollen. Der April war furchtbar hart. Aber ich habe meine Einzelteile sortiert, einen Überblick über sie gewonnen und inzwischen passt das eine gelegentlich schon wieder zum anderen. Das ist alles sehr vage ausgedrückt, obwohl es tatsächlich sehr konkret ist, dabei aber derart privat, dass ich diesen Teil nicht ins Internet stellen werde.

Ich vertraue meiner Therapeutin. Sie hat mir geholfen, diesen Weg zu finden, an dessen Anfang ich nun stehe. Unser Verhältnis ist so, wie ich es mir vorher gewünscht hätte: Einseitig, zugewandt, vertrauensvoll, direkt. Nichts wäre schlimmer für mich gewesen als einer ständig vor lauter Mitgefühl gekräuselten Stirn gegenüber zu sitzen. Sie spiegelt mich mit Worten, formuliert Mitgefühl und spart nicht an Anerkennung.

Nächste Woche fahren wir zusammen Bus. Eine Stunde lang. Ich habe Angst davor, mich in der Öffentlichkeit zu übergeben, diese Angst tritt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf, wenn ich mit Menschen unterwegs bin, die ich kenne und mag. Deshalb habe ich immer Maßnahmen dabei: Tüten, Bonbons, Kaugummis. All das beruhigt mich, denn es vermittelt mir das Gefühl, für meine persönliche Katastrophe immer gewappnet zu sein. Das wird nächste Woche anders sein: Ich fahre ohne alles. Das erste Mal seit Jahren.

Dahinter steckt dies: Der Körper ist nicht dafür ausgelegt, Angst dauerhaft auf dem maximalen Pegel zu halten. Angst ist wie Sprint: Du wirst irgendwann nicht mehr sprinten können. Es geht nicht. Du bist körperlich dazu nicht in der Lage. Genauso bist du körperlich nicht dazu in der Lage, ewig eine Angst von 10 (Auf einer Skala von 1 (Min.) bis 10 (Max.)) zu haben.

Diese Erfahrung soll ich machen. Ich soll spüren, wie meine Angst abflaut, ohne dass ich etwas dafür tue. Ich soll mich nicht beruhigen. Kein Kaugummi soll mir die Angst nehmen. Sie soll von alleine wieder gehen. Das dauert etwa 60 Minuten. Und damit ich und mein Körper sich das merken, soll ich das in den darauffolgenden sechs Tagen wiederholen und zwar mit Situationen, die im Stresslevel steigen. Ich starte also betreut im ÖPNV-Bus und möchte enden im Auto einer fremden Mitfahrgelegenheit. Und ich hasse alles an dieser Vorstellung.

Den Plan, welches Verkehrsmittel ich wann nehme, wo es hinfährt, wie ich zurückkomme und so weiter, den habe ich gestern erarbeitet. Eingangs saß ich an meinem Küchentisch und dachte: Vielleicht habe ich das gar nicht so nötig. Eigentlich läuft es doch sehr prima. Doch die zunehmende Planung beschleunigte meinen Herzschlag und bevor ich das Wort „Mitfahrgelegenheit“ (falsch) notierte, habe ich eine Pause gemacht, in der ich mit wippenden Beinen im Internet nach Dingen gesucht habe, die ich noch schlimmer finde als diese Vorstellung.

Morgen setzen wir die Regeln fest, die für mich in dieser Woche gelten und sprechen alles nochmal durch. Ich werde die nächsten zwei Wochen hier relativ eng dokumentieren wollen. Ich rechne nicht damit, dass es in dieser Zeit besonders intime Dinge sein werden, auf die ich stoße, sondern vielmehr eine emotionale Herauforderung auf mich wartet, wie ich sie noch nicht kennengelernt habe. Ich freue mich darauf, weil ich neugierig bin. Und gleichzeitig finde ich all das, was ich gerade geschrieben habe höllisch abstoßend. Nichts daran scheint mir eine gute Idee, bis auf das Fernziel. Das ist in seiner Abstraktheit allerdings derart rational, dass meine Angst beinah unberührt einfach weiter pocht.

Gesunde Freizeit.

Das kann ich auch noch später machen, wenn ich fertig bin damit, nichts zu tun.

Morgen arbeite ich wieder: 9 bis 17Uhr, Mittwoch geht die Uni wieder los und am Donnerstag startet mein neuer dritter Job. Keine klassische, aber eine Vierzigstundenwoche. Ich freue mich nicht, obwohl ich auf die einzelnen Zutaten dieses Lebens einer Erwerbstätigen durchaus Lust habe. Denn ich mag meine Jobs, meine Kollegen und mein Studium irgendwie auch noch.

Und doch: Ich hatte jetzt in der Summe drei Wochen frei. In der ersten habe ich eine Hausarbeit geschrieben, in der zweiten war ich verreist und in der dritten krank. Es kann also nicht davon die Rede sein, dass ich blaumachend vor mich hinlag. Aber ich konnte schlafen wann und wie lange ich wollte, ich konnte mir meine Arbeitszeit frei einteilen und hatte nun zum Abschluss dieser Zeit ein ganzes Wochenende zur gesunden, ganz freien Verfügung. Klar: Weshalb arbeiten wollen? Aber zu der klassischen Weigerung des frühen Aufstehens gesellen sich weitere, spannende Aspekte, die – so meine Befürchtung – im Verlauf der nächsten Tage wieder verpuffen werden:

Ich habe wieder Ideen. Ich bin kreativ und habe Lust genug, diese Einfälle umzusetzen. Ich habe in den letzten Tagen mehrere Texte und ein Gedicht geschrieben, ein Konzept für ein Projekt erarbeitet und bin voller Drang, es umzusetzen.

Ich träume wieder. Diese entspannten, sinnlosen, schönen Träume, aus denen man mit diesem irritierten Gefühl der Verwunderung erwacht, an der die Frage heftet, ob man wirklich geschlafen hat.

Ich erinnere mich an schöne Details, frühe Kindheitsmomente: Ein bunter Luftballon, Zitronenkuchen im Hof, die weißen Turnschuhe meines Vaters oder dass meine Tante abgegriffene Spielkarten nicht mochte und deshalb zu jedem Urlaub ein neues UNO-Set gekauft hat. Eine Perspektive oder ein bestimmter Farbton stellt diese Verbindung in meinem Hirn her und stimmt mich zufrieden.

Ich fühle mich in meinen Beziehungen wohler, weil ich weniger fordere und meinen Mitmenschen keine alltäglichen Unzufriedenheiten auffangen müssen. Ich bin geduldiger gegenüber den Bedürfnissen, die sie hegen und eine aufmerksamere, empathischere Zuhörerin. Zeigt auch wieder: Niemand in dieser Welt vermag, andere glücklich zu machen. Der Löwenanteil dieser Aufgabe liegt in der eigenen Hand, immer.

Ich gestalte meine Freizeit, weil ich genug davon habe. Ich muss nicht abwägen, ob sich die „Investition“ von Zeit in eine bestimmte Aktivität lohnt: Ich gehe ins Theater, weil ich Lust habe. Im Alltag lasse ich es oft aus der Unsicherheit heraus, die Inszenierung vielleicht nicht zu mögen und deshalb „Zeit zu vergeuden“. Der lange Hundegang ist Muße und Herbstlicht, keine lästige Pflicht mit schlechtem Gewissen.

Nichts zu tun ist erholsam. Ich liege auf dem Bett, schaue aus dem Fenster und kraule den Hund. Keine Serie läuft, kein Podcast spielt. Ich liege dort und tue nichts und es ist toll. Kein schlechtes Gewissen, die Zeit nutzen zu sollen, weil ich von ihr nicht so viel habe: Solltest du nicht lieber putzen? Lesen? Sport treiben? Nein. Das kann ich auch noch später tun, wenn ich fertig bin damit, nichts zu tun.

Ich merke, wann ich Hunger habe und wann ich müde bin. Kein Zeitplan, in den die große Mahlzeit eben nur in dieses Zeitfenster passt. Keine Not, einen Kaffee zu trinken, wenn ich stattdessen ein Nickerchen machen kann. Ein Mittagsschlaf nach einem guten Mittagessen ist pures Gold.

Ich weiß nicht, wie ich wenigstens Details dieser Punkte konservieren kann. Ich würde es so gern, denn es geht mir – trotz Restschnupfen – unglaublich gut gerade. Im Vergleich zu vor vier Wochen hat sich nichts verändert: Ich bin immer noch pleite und das Wetter wird immer noch schlechter. Und dennoch: Es ist gut geworden. Frei zu haben scheint mir eine extrem gesunde Sache zu sein.

Herbstkopf

Aber der Herbst kommt, genau wie der Winter und ihre Dunkelheit ist beiden egal. In ihr kommt Trübsal ohne Grund, die einen von hinten umarmt und nach Cello klingt.

Es ist Herbst und alles fühlt sich plötzlich anders an, geschmackloser und grauer. Das Aufstehen fällt schwer und nach den schönen Ausblicken muss in den nächsten Monaten gesucht werden. Mich beengt diese Zeitspanne jedes Jahr neu: Ich will nicht in diese Zeit hinein, die Bett und Couch die Oasen auf dem nieselregenträgen Treibsand werden lassen. Der Wechsel der Jahreszeiten ist schön und unheimlich gleichzeitig: Egal, wie wenig Du ihn möchtest, er kommt. Wann und wie lange: Beides nicht ganz klar. Diese Ausgesetztheit überzieht mich schon im Frühjahr und im Herbst umso mehr mit einer melancholischen Schicht der Hilflosigkeit gegenüber des allgemeinen Weltverlaufs. Es ist doch eine seltsame Sache, dass schon ein Wort, das ich spreche, zu Streit führen kann und ich damit einerseits beeinflussen kann, was um mich herum geschieht. Ich habe Macht genug über mein Leben, um all meine Jobs zu kündigen, den Hund ins Tierheim zu geben und nach Panama zu schiffen. Ich fühle mich hochentwickelt und modern, weil ich E-Scooter fahre und das Wetter der nächsten zwei Wochen auf meinem Handy nachgucken kann.

Und gleichzeitig habe ich so wenig Einfluss auf die Dinge um mich herum: Von den Entscheidungen anderer Menschen, die mich zu meinen Vor- oder Nachteilen betreffen bis hin eben zu diesem großen, ganzen Dings: Im Herbst fühle ich mich ohne Kontrolle und vielleicht ist das der Grund, weshalb ich zu dieser Zeit so gerne Fotos angucke. Die Vergangenheit ist zahm, ich kann sie in allen Stimmungen, aus allen Perspektiven betrachten, bewerten, neu betrachten, neu bewerten. Wie eine Schneekugel, die vom Schreibtisch gerutscht und heilgeblieben ist und deren glitzerndes Treiben sich inzwischen gelegt hat, sodass Landschaft und Figuren offenbart werden. Keine Welt, in die ich je zurück möchte, aber die Ruhe meiner Atmung, die in meinen Körper strahlt, wenn ich sie betrachte, die hätte ich gern für jetzt und danach.

Diese Unwägbarkeit bleibt schwierig und ab Herbst scheint über ihr nicht mal mehr die Sonne. Aber er kommt, genau wie der Winter und ihre Dunkelheit ist beiden egal. In ihr kommt Trübsal ohne Grund, die einen von hinten umarmt und nach Cello klingt. Eine Umarmung, die meine Haut dünner werden lässt, weil sie meinen Blick klärt und auf die Stellen richtet, die schmerzen werden. Eine wertschätzende Sorge in meinem Denken, das langsamer wird und genauer wie der Blick, der sich in der Dunkelheit schärft, um das Wesentliche beobachten zu können.

Ich merke, dass ich Hemmungen habe, aufzuschreiben, was dieser Laune zugrunde liegt, weil es so unbeherrschbar ist. Alles wiederholt sich, Arbeitstage, Einkäufe, Geburtstagsfeiern, Monate und Jahreszeiten. Aber wir wiederholen uns nicht, wahrscheinlich. Begegnungen mit Menschen wiederholen sich nicht für immer. Da gibt es dieses Ende, das sich irgendwann mit der schweren Gleichgültigkeit der Natur fallen wird.

Steile Strahlen nach schlechten Stunden

Dying keeps me conscious of the way I waste my breath.

Gestern war ein schlechter Tag. Ab und zu begegne ich dem gemeinen Partner meiner Angst. Einer hilflosen Traurigkeit, die meinen Körper besetzt. Wie die Angst auch spüre ich sie besonders in der Kehle, die sich permanent leicht eingedrückt fühlt. Räuspern, schlucken, husten lösen nichts, geben der Enge lediglich eine passende Akustik.

Dabei ist gar nichts passiert. Alles ist in Ordnung. Die Therapiesitzung am Vormittag muss aber einen Punkt berührt haben, der einen Schmerz ausruft, der hoffentlich zur Heilung gehört. Wie eine Massage, nach der man die Greten erst neu sortieren muss, bevor alles beschwerdefrei wieder an Ort und Stelle sitzt.

Unter der Kehle pocht mein Herz mit Nachdruck in einem trüben Takt, den es anschlägt, wenn ich die Luft beim Weinen kurz anhalten muss.

Es ist ein überaus kläglicher Zustand, den ich kaum mitteilen möchte, weil er mich mit Scham überzieht. Denn: Es ist doch eigentlich alles in Ordnung. Aber nirgendwo in mir kommt diese Information an. Ich fühle mich allumfassend gescheitert und überfordert.

Diese Lage ist so anstrengend, dass ich weite Teile des Tages starre, abends liegend. Und hoffe, dass es bald einfach wieder vorbei ist. Dass das nicht hält, denn dieses Gefühl ist so widerwärtig gewalttätig, dass niemand es in seinem Leben haben sollte. Keine Kontrolle, nur enges Klopfen.

Heute ist es besser. Jemand, der immer wieder unter Migräneattacken litt, hat mir mal beschrieben, dass auch Tage danach noch eine Spur des Schmerzes den Kopf umkreist. Dieser Rest hängt mir auch heute an, wie ein kleiner werdender Schatten, der sich in der aufsteigenden Sonne konturscharf auflöst. Ich hoffe, die Strahlen fallen nun eine Weile so steil wie möglich.