dämmern

Die Beine baumeln frei, dabei ist die Mauer gar nicht so hoch, auf der sie sitzt. Ihre Fersen stoßen verlegen gegen den trockenen Beton, der von zarten Moslinien gesäumt ist, die sich an den feinen Rissen entlang bis zur Grasnarbe schlingen. Die Schnürsenkel der Turnschuhe sind zu Schleifen gebunden, die nicht richtig fest gezogen worden sind, der Knoten sitzt etwas zu locker, sie würden im Laufe der Nacht mindestens noch einmal geschnürt werden müssen.

Es ist noch nicht spät und dämmert bereits. Die Tage werden jetzt schnell kürzer, obwohl die Sonne noch wärmt. Die schattigen Inseln auf der Wiese strömen eine vorsichtige Kälte aus, die sich allmählich über das kleine Parkstück legt.

Das Gespräch stockt und die Zweifel, die Rede und Antwort gerade noch zurückzuhalten vermochten, suchen sich zügig ihren Weg zwischen dem letzten und dem nächsten Satz. Keine Vertrautheit, die die Stille aufnehmen und verwandeln könnte in unausgesprochene Zugehörigkeit. Dafür eine Hand, die sich über eine andere legt. Ein seltsamer Kontakt, in den die erschöpften Wörter münden, Übersprung und Überwindung.

Die Schatten, die die Wiese mustern, sind genau so lang und scharf konturiert wie am Morgen. Die Umrisse einer Laterne ziehen sich unpassend tief bis in die Mitte des Rasens hinein. Die Linien werden plötzlich weich, als das Licht anspringt und die letzten Insekten des Sommers lockt. Darüber der Farbverlauf des Himmels, vor dem die Silhouetten der Häuserreihen in graustufenlosem Schwarz stehen. Am höchsten ragen die resthellen Fensterreihen des Krankenhauses heraus, die ihr ständiges memento mori in die Stadt senden.

Entschuldigung, aber ich teile Ihre Prämissen nicht.

„Ich (Pause) nehme jetzt mal (Pause) Afghanistan. Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag (Pause) sind 69 (Pause), das war von mir nicht so bestellt, Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. (Pause) Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.“

Ein kurzes Video wird heute tausendfach auf Twitter geteilt, in dem der Innenminister Deutschlands 24 Sekunden nutzt, um diese Sätze zu sagen. Über diesen Mann ist in den letzten Wochen viel gesprochen und geschrieben worden. Erst wurde sich gefreut, dann wurde sich erzürnt. Ein lächerliches Schauspiel von Eitelkeiten, nach dessen Genuss sich jeder wahlberechtigte Mensch dieses Landes für ziemlich dumm gehalten fühlen kann.

Ich möchte nicht mit unserem Innenminister sprechen. Ich möchte auch nicht über einzelne Vokabeln streiten, die tief braun getränkt das Leid tausender Menschen als freizeitliches Reisevergnügen verkleiden. Ich möchte nicht mit Rechten über die Schlüsse reden, die sie bereits gezogen haben. Das hat den einfachen Grund, dass ich ihre Prämissen nicht teile.

Jede Person hat eine bestimmte, ganz eigene Sicht auf die Welt und ihre Dinge. Meistens irgendwie biographisch begründet, bestimmte Ereignisse oder Begegnungen, die besonders einprägsam gewesen sind. In meinem Fall waren das meine Eltern, die Bands, die ich in meiner Jugend gehört habe und die Jahre, die ich im Theater gearbeitet habe. Beiträge, wie sie aus Richtung der sogenannten Rechten immer häufiger in die große Öffentlichkeit gespült haben, emotionalisieren mich extrem. Ich bin wütend, sorgenvoll und fühle mich hilflos.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was genau mich derart aufwühlt und bin inzwischen bei besagten Prämissen angelangt. Da sind Menschen, die wichtige und mächtige Ämter in diesem Land bekleiden, die in Frage stellen, worauf meine Weltsicht fußt: Auf der würdevollen Gleichheit aller Menschen.

Ich gebe zu, dass das ziemlich geschwollen klingt. Aber ich finde keine kleineren Worte. Es geht um Werte, die in ihrer grundlegenden Funktion so tief verwurzelt sind, dass ich sie nicht mehr rational herleiten kann. Sie sind eher wie ein Gefühl, eine Form des Glaubens. Das hängt auch mit diesen riesigen Wörtern zusammen: Eine knappe Definition von Würde? Sicherlich eine komplizierte Sache. Aber Dinge sind kompliziert und sie werden mit inhumanen Aussagen und Beschlüssen nicht einfacher. Ich verstehe nicht, wie diese Sehnsucht nach einfachen Lösungswegen auf den höchsten Ebenen der Politik als guter Ratgeber in schlechten Zeiten anerkannt wird.

Noch vor diesen weitreichenden Beschlüssen steht aber der Angriff auf meine Sicht der Dinge und ich habe täglich das Gefühl, diese gegenüber Internettrolls, BILD-Schlagzeilen und Politikergewäsch verteidigen und erklären zu müssen. Ich hasse es, dass ich mit meinem Wunsch nach fairem Umgang der Menschen unter- und miteinander und dem Glauben an die grundsätzliche Möglichkeit für eben diesen, wie ein naives Kind fühlen soll, dem erst noch die Augen geöffnet werden müssen. Ich bin vielleicht kein besonders mutiger Mensch und wahrscheinlich viel zu wenig aktionistisch – aber ich bin sicherlich nicht dumm. Und aus diesem Grund weigere ich mich, mir von irgendwelchen Ministern menschenverachtenden Mist als die einzig mögliche Reaktion auf die Wirklichkeit der Welt verkaufen zu lassen.

Zwei Stunden bei Saturn

Ich bin heute zu Saturn gegangen, um dort nach der Serienbox „Sex and the City“ zu suchen. Samstägliches Gewimmel, viele Leute, Menschen, die unerklärlicherweise stehen bleiben. Ich schiebe mich durch die ersten Meter des Markts und neben mir beginnt es plötzlich zu rumoren: Eine Dame beschwert sich gut vernehmbar über den Andrang. Ihr Unmut treibt sie dazu, dem Typen, der vor uns geht, am Shirtärmel zu zupfen: „Lassen Sie mich mal durch?“ Ich lasse es mir nicht nehmen, das mit „Nun, es ist eben Samstagnachmittag.“ zu kommentieren.

Ich hatte damit gerechnet, dafür einen strengen Blick zu kassieren. Stattdessen hatte es die Frau mit einem Male weniger eilig. Sie nahm wieder einen höflichen Abstand zu unseren Vorderleuten ein, wandte sich mir zu und begann zu reden: Dass sie eigentlich am Wochenende nicht in die Stadt ginge und in diese Märkte schon gar nicht. Aber nun brauche sie eben diese Sache und deshalb ginge es nicht anders. Diese jungen Menschen gingen ihr auf den Keks, immer diese Statussymbole: Das habe nur nötig, wer sonst nichts könne.

Ich hatte zunächst den Eindruck, dass sie eine dieser älteren Herrschaften ist, die eine der raren Chancen für einen kurzen Plausch nutzen wollen, deshalb hörte ich mir ihre harsche Kritik an meiner Generation an und nickte gefügig an den richtigen Stellen. Irgendwie war sie mir sympathisch, deshalb folgte ich ihr und ihrem Gepöbel hoch in die erste Etage bis zu der Kreuzung, die Flachbildfernseher von portablen Lautsprechern schied. Ich wollte links abbiegen, was sie wollte, wusste ich nicht. Wir blieben also stehen und ich kam dazu, einen Blick auf die Person zu werfen, der ich seit drei Minuten zuhörte.

Die Frau war gut einen halben Kopf kleiner als ich, hatte graue, gelockte Haare, die sie im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Sie trug eine Brille mit rotem Rahmen und getönten Gläsern, die nicht wirklich zu ihr passte. Sie war etwas zu groß und rutschte immer wieder herunter. Dann kamen kleine, sehr blaue Augen zum Vorschein, die einen klaren und klugen Blick hatten. Sie war sehr gepflegt. Zwei Perlenohrringe, keine Schminke. Sie trug eine Lederjacke und ein T-Shirt, dazu eine Stoffhose und Turnschuhe. Nicht nur ihr Outfit, auch die Fortführung ihres Referats über Statussymbole ließ mir schnell klar werden, dass die Dame über mehr als ausreichend finanzielle Mittel verfügen musste.

Sie erzählte von Reisen, auf denen sie reiche Männer getroffen habe, die nichts auf protziges Gehabe gaben. Von Trips nach Südafrika und ihrem Haus in Odense, Dänemark. Von ihren Söhnen. Sie hätte gern zehn gehabt, ihr Mann habe gar keine gewollt, dafür seien zwei noch in Ordnung. Sie sprach von ihrem Büro, von ihrem Jagdschein, dem Jurastudium ihres Sohnes und davon, wie klug ihre Kinder seien.

Sie hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der es gewohnt ist, attraktiv gefunden zu werden. Eine selbstbewusste Körpersprache, mit der sie ihre Schilderungen untermalte. Ihre Beschreibungen von teuren Abendessen und Fahrten in Limousinen wirkten nicht, als wolle sie mir imponieren. Das hat sie auch so gesagt: „Ich will nicht prahlen, aber Sie müssen wissen, wie das gewesen ist!“

Irgendwann sagte sie: „Ich mag die jungen Frauen von heute nicht, aber mit Ihnen komme ich gut aus.“ und damit lud sie mich zu einer munteren Diskussion über metoo, Werteverfall, Stutenbissigkeit und Solidarität zwischen Frauen ein.

Es war eine skurrile Situation, die sich dort entwickelt hatte zwischen rumlungernden Teenagern, die die Lautstärke der ausgestellten Boxen testeten, Alarmanlagenalarmen und den gelangweilten Blicken der Mitarbeiter. Ab und an mussten wir ein Stückchen zur Seite gehe, damit sich jemand die Wandhalterungen für Flachbildfernsehgeräte angucken konnte.

Wir waren uns offensichtlich gegenseitig ziemlich sympathisch, sonst hätte dieses Treffen mit Sicherheit keine zwei Stunden gedauert. Ich war fasziniert von dieser kleinen Frau, die ihr Leben mit einer Entschiedenheit geführt haben musste, an der ich keinen Moment zweifelte. Sie genoss es offensichtlich, in Erinnerungen an ihr früheres Erscheinungsbild zu schwelgen: Sie sei ein richtig heißer Feger gewesen. Was sie früher für Klamotten getragen habe und dass ihr klar sei, dass die Männer damals alle scharf auf sie gewesen wären.

Sie hat früh geheiratet und früh die beiden Söhne bekommen. Nach 16 Jahren hatte ihr Mann eine Geliebte. „Ich wusste sofort, dass da was war. Das ist Intuition. Ich wusste es einfach.“ Sie erzählt, dass sie ihm ein Jahr Zeit gegeben habe für diese Affäre, das habe sie genauso kommuniziert. Ihr sei klar gewesen, dass so etwas passieren müsse, da diese Partnerschaft für beide die erste gewesen war. „Natürlich wird man da neugierig.“

Sie kommt immer wieder darauf zurück. „Das war in der Zeit, in der mein Mann seine Freundin hatte.“, „Da hatte mein Mann die Affäre gerade abgebrochen.“ – So souverän sie damit umgegangen zu sein schien, hatte ich trotzdem den Eindruck, dass ihr die Kränkung auch Jahrzehnte später noch in den Knochen saß. Sie blühte auf, wenn sie davon berichtete, welcher Mann sie wie und wo umworben habe. Aber eingelassen habe sie sich auf keinen. Meist, weil diese Männer die Gatten ihrer Schwestern, Nachbarinnen oder Freundinnen gewesen sind. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie stolz war auf die Umgarnung und ihre starke Vernunft, die ihr dabei geholfen hat, zu widerstehen.

Kurz vor Ende des Gesprächs lässt sie diese korrekte Fassade ein wenig einreißen: Einmal, sie schwöre bei ihrem Leben, habe sie die Liebe auf den ersten Blick erlebt. Ein Mann, den sie in einem Urlaub getroffen habe, sie haben nicht mal einen Kuss getauscht und doch würde sie sagen, sie schwur nochmal auf ihr Leben, dass sie diesen Mann noch heute liebe. „Hätte ich ihn geküsst, ich hätte mich scheiden lassen müssen. Es wäre eine Katastrophe geworden.“

Zum Abschied gaben wir einander die Hand. Sie sagte: „Wenn Sie mich sehen, sprechen Sie mich bitte an. Heute hätten wir einen Kaffee trinken sollen. Ich hätte Sie eingeladen. Und diese kurzen Haare stehen Ihnen wirklich gut.“

Lieber Herr Spahn

Frauen sind zur Zeit heiß diskutiert: Was dürfen sie, was dürfen sie nicht, was sollten sie nicht dürfen. Was passiert mit ihnen, was passiert nicht mit ihnen, was sollte nicht mit ihnen passieren. #metoo, Weltfrauentag, 219a.
Im Zuge des Weltfrauentags habe ich immer wieder die Frage gelesen: Wo sind Frauen denn heute nicht gleichberechtigt?

Da geht es in den Antworten zum Beispiel um die sog. Gender Pay Gap. Woraufhin dann eingewandt wurde, wie denn das rechtlich geregelt werden solle. Es dreht sich hier offenbar oftmals um Bereiche zwischen sozialer Moral, marktwirtschaftlichen Gegebenheiten und der Frage nach der Rolle des Gesetzes oder des Staats.
Gerichtliche Urteile sind in diesem Zusammenhang immer mal wieder von Relevanz, zum Beispiel bei der Frage, ob Kundinnen sich mit Kunde angesprochen fühlen sollen oder ob Informationen über Abtreibungen bspw. im Internet frei zugänglich sein sollten.

Während die Debatte “Kunde vs. Kundin” eine kleine Schraube drehen möchte, um über den Weg der sensiblen Sprache die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen zu verändern, ist Paragraph 219a ein hellglänzender Absatz, in dem vieles von dem gebündelt wird, was unter dem Label “Still not gleichberechtigt” zusammengefasst werden kann.

Ich bin 27 Jahre alt, komme aus einem weltoffenen und gebildeten Elternhaus. Ich habe ein gutes Abitur, letzte Jahr habe ich meinen Bachelor gemacht, in zwei Jahren beende ich meinen Master. Ich habe parallel zu meinem Studium immer mindestens einen Job gehabt. Ich habe gute Noten und gute Zeugnisse. Und ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin Geisteswissenschaftlerin und ich habe das Gefühl, wenn ich mich nicht für das Lehramt entscheide, laufen zehn Jahre Ausbildung auf zwei Jobs und Altersarmut hinaus. Ich kenne Frauen, die keine Jobs bekommen, weil sie in einem Alter sind, in dem viele Frauen Kinder bekommen. Ich kenne Frauen, die keine Kinder bekommen, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren. Ich kenne Frauen, die ein “Für uns sind das keine gute Nachrichten.” bekommen als erste Reaktion des Vorgesetzten, nachdem dieser über eine Schwangerschaft informiert worden ist. Ich kenne Frauen, die nicht übernommen worden sind, weil sie schwanger wurden. Ich kenne Frauen, die es als demütigend empfinden, zum Sozialamt gehen zu müssen, weil sie mit ihrer Teilzeitstelle allein die Miete nicht bezahlen können. Mehr Arbeit ist aber keine Option, weil das Kind sonst nicht betreut ist. Ich kenne Frauen, die nie den Einstieg in den Job geschafft haben, weil Arbeitgebern das Risiko zu groß war, die Frauen würden zu häufig fehlen, weil die Kinder ‘dauernd’ krank würden. Ich kenne Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben und ich kenne Frauen, die sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben.

Ich habe Angst, dass ich keinen Job finde, weil ich Kinder kriegen kann. Meine Fruchtbarkeit erscheint mit manchmal als berufliches Risiko. Denn ich habe nicht den Eindruck, dass ich in einem Land lebe, in dem Kinder für die langfristige wirtschaftliche Situation von Frauen, damit einhergehend für ihren beruflichen Werdegang etwas Positives sind.

Gleichzeitig, und jetzt wird es irgendwie kompliziert, ist es so, dass ich das Gefühl habe, dass die nicht Nutzung der Gebärfähigkeit nur durch eine tolle Karriere erklärt werden kann. Tausche Kind gegen Erfolg. Dieses Gegensatzpaar erscheint mit relativ grotesk.

Es gibt Frauen, die haben zu große Angst vor dieser Verantwortung, den Konsequenzen, den Auswirkungen auf ihr Leben. Oder Frauen, die einfach keine Kinder möchten, aus welchen Gründen auch immer. Diese Gründe sind sehr persönlich und ihr sehr persönliches Recht. Wenn eine Frau schwanger wird, unter welchen Umständen und in welcher Lebenssituation auch immer, sollte sie die Schwangerschaft abbrechen können, sie soll über ihren Körper und ihr Leben entscheiden dürfen.

Was denken Sie, Herr Spahn, eigentlich, wie diese Frauen sich dabei fühlen? Geht es ihnen dabei gut? Haben sie Gewissensbisse? Wie sind die ersten Wochen der Schwangerschaft? Ist der Frau vielleicht ständig schlecht? Wo wohnt sie? Hat sie Freunde, mit denen sie darüber sprechen kann? Ist sie so offen, dass sie einem Arzt oder einer Organisation wie ProFamilia im Gespräch über einen Abbruch jede Frage zu stellen traut? Schämt sie sich?

Glauben Sie, dass Aufklärung und einfach zugängliche Informationen die Anzahl der Abbrüche steigen lassen wird? Bzw. noch mehr: Ob diese Informationen die Anzahl der Abbrüche steigen lassen soll. Das impliziert das Wort “Werbung”, nicht wahr? Wenn der Paragraph abgeschafft wird, wird Abtreibungswerbung gemacht. Wie für eine Waschmaschine oder Amazon Prime.

Es ist nicht so, dass über Schwangerschaftsabbrüche nicht moralisch und ethisch diskutiert werden könnte und sollte. Sie legen Ihren Fokus dabei auf das, wie Sie sagen, “ungeborene menschliche Leben”. Finden Sie nicht, dass dieser Fokus genau so gut auf der Frau und ihrem Recht auf Selbstbestimmung über Körper und Biographie gelegt werden kann? Finden Sie nicht, dass zu einer gut überlegten, ausreichend abgewogenen und bewusst getroffenen Entscheidung der Zugang zu Informationen wichtig ist? Und wenn nein: Weshalb nicht? Finden Sie nicht, gerade weil Schwangerschaftsabbrüche ein derart heikles Thema sind, wäre es gut, wenn die Möglichkeit bestünde, anonym Informationen zu beziehen?

Es geht nicht um eine Bagatellisierung des Themas. Im Gegenteil. Und auch diesem Grund ist “Werbung” der völlig, der wirklich komplett falsche Begriff. Es geht darum, die Tragweite der Entscheidung ernst zu nehmen und Frauen ernst zu nehmen, die einen Entschluss von enormer Tragweite zu fällen haben. Es geht darum, diese Situation ernst zu nehmen und Frauen aus einer unmündigen Lage zu hieven, die den latenten Vorwurf bereithält, dass sie ja auch einfach hätte verhüten können.

Das Land diskutiert über Frauen, die Mütter werden. Über Frauen, die keine Mütter werden. Über Frauen, die keine Mütter werden möchten. Weshalb? Und weshalb wird dann an anderer Stelle behauptet, Frauen seien unfassbar gleichberechtigt, wenn ich in dem Maße nichts über Männer lese, die keine Kinder zeugen möchten. Mir ist klar, dass die nicht-Zeugung eines Kindes etwas anderes ist als der Abbruch einer Schwangerschaft. Mir ist aber nicht klar, weshalb Frauen diejenigen sind, die an mindestens einem Ende dieser Debatte zur moralischen Niete werden.

Ich würde mir von Ihnen mehr Empathie oder wenigstens mehr Fingerspitzengefühl in Ihrer Rhetorik wünschen. Ich würde mir wünschen, dass die Probleme der Frauen ernst genommen werden – dieses mit dem Probleme ernst nehmen wird in der CDU an anderer Stelle ja eifrig beworben.

Herzlichst!

 

PS: Kinder sind was super Tolles. Manche möchten welche, manche nicht. Beides ist okay.

 

 

 

 

Brokkoli und Weltschmerz

Ich folge bei Instagram einer jungen Frau, die ich noch aus der Schule kenne: Sie heißt Louisa Dellert und lese bei ihr schon seit einigen Jahren mit. Wir hatten früher nicht besonders viel zu tun, aber ihr Account hat mir von Anfang an gefallen. Sie hat zunächst über Fitness gebloggt und widmet sich nun mehr und mehr den Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Zero Waste.

Louisa ist eine sog. Influencerin und ich merke immer wieder, wie beeinflussbar ich bin und dass steter Tropfen einfach mal den Stein höhlt.

Ich war heute in einem Zero Waste-Geschäft in Hannover und relativ schockiert, vor Augen geführt zu bekommen, was im Normalfall alles verpackt ist: Fast alles. Spülmittel, Nüsse, Mehl, Milch, Schokolade, Weingummi, Seife, Gewürze, Käse, Wurst, Gemüse. Das ist mir umso klarer geworden, als ich Sparnase danach zu Netto gegangen bin, weil mir die paar Cent pro 100 Gramm Gemüse mehr zu viel gewesen sind. Bei Netto stand ich dann vor drei unterschiedlichen Varianten Karotten, alle in Plastik. Brokkoli: Eingeschweißt. Nüsschen: Verpackt. Alles. Verpackt. Ich habe letztlich Blumenkohl und Kohlrabi gekauft. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht.

Das ist alles nicht neu. Artikel über Plastik, das für unsere Umwelt mehr und mehr zum unauflösbaren Problem wird, häufen sich. Bücher warnen, Fernsehberichte informieren. Das tun sie auch, wenn es um Antibiotika geht, mit denen die Tiere gefüttert werden, die irgendwie an unserer Nahrung beteiligt sind. Das tun sie auch über Abgaswerte. Das tun sie auch über Tierhaltung. Wir wissen um die furchtbaren Bedingungen, unter denen unsere T-Shirts hergestellt werden. Eigentlich wissen wir alles, an Informationen und den Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung mangelt es uns wahrlich nicht.

Ich versuche vegetarisch zu leben, in meinem Alltag probiere ich es so gut es geht vegan. Ich möchte das, weil es ein Stil ist, der einigermaßen mit den Werten übereinkommt, die ich glaube zu vertreten.

Zu diesen Werten gehört, dass ich nicht möchte, dass es Lebewesen für meinen Genuss ungebührend schlecht gehen muss. Eigentlich.

Und ich hasse dieses Eigentlich. Heute in diesem Laden dachte ich: Es gab Zeiten, in denen sich die Leute nicht darum kümmern mussten, ob der gelbe Sack voll Plastikmüll, der von ihrem Wocheneinkauf übrig bleibt, im Meer Fischen die Lunge verstopft. Und dass es den Kühen vom Dorfbauern ganz gut ging, konnte jeder sehen. Mir ist klar, dass die Leute damalsTM Sorgen hatten, die das Gegenteil von Überversorgung waren: War das Wetter schlecht, fiel die Ernte aus und die Probleme waren groß.

Das ist freilich keine Utopie. Lediglich der Fakt, durch Kaufentscheidungen niemandem einen Schaden zuzufügen, das ist etwas, was ich eine gute Vorstellung finde.

Ich habe den Eindruck, ohne ausreichend Zeit und Geld ist es heute kaum möglich, fair zu leben. Ich versuche das immer mal wieder, phasenweise. Meine Grundnahrungsmittel im zero waste-Laden zu kaufen und sie zuhause entsprechend verarbeiten – dazu fehlt mir sowohl das Geld, als auch die Zeit. Natürlich hätte ich die, wenn ich nicht drei Jobs, einen Hund und ein Studium hätte. Jedes dieser Dinge ist mir am Ende des Tages aber wichtiger als selbstgemachter Hummus aus trocken abgefüllten Kichererbsen.

Es braucht Auseinandersetzung, Interesse und Offenheit für diese Themen, um sich ihnen zu nähern. Umweltfreundlich ist ein riesiges Wort, denn es taucht nicht auf, wenn nicht danach gesucht wird. Niemand kauft ausversehen weniger Plastik oder den teureren Käse oder das Hemd lieber second-Hand.

Es nervt mich, dass das eng mit einem bestimmten Gestus des Besserwissens verbunden ist, der sich dem unerleuchteten Rest gern moralisch meilenweit überlegen gibt. Aber genau diese Besserwisser tummeln sich in Scharen in den Kommentarspalten des Internets, teilen Schlachtvideos und unglückliche Lämmer und schreiben dazu: „Man liebt Tiere. Oder man isst sie!!!“

Fast keiner mag Tiere nicht. Fast keiner findet, dass die Vermüllung der Weltmeere etwas ist, an dem man sich dringend beteiligen sollte. Trotzdem tun es sehr, sehr viele Leute.
Ich liebe Fleisch. Es gibt kein besseres Essen als frisches Schwarzbrot mit dick Butter und Aldisalami. Döner, Burger, Putenschnitzel. Ich möchte, aber ich möchte nicht.
Informationen reichen nicht. Auch „Ich mag Tiere eigentlich“ reicht nicht. Ich habe keine Ahnung, was reicht. Ich weiß nicht, wie langsam oder wie plötzlich in Menschen, die fair leben dieser Wille und diese Überzeugung gewachsen sind.

Ich weiß nur, dass es mich als Konsumentin nervt, dass die gute Entscheidung nicht die Regel ist. Dass ich mich auf die Suche nach ihr machen muss, im Internet Zutatenlisten und Zusatzstoffe lesen müsste, um dem, was ich kaufe, wirklich auf den Grund zu gehen. Dass ich Siegeln nicht vertrauen kann, weil das T-Shirt vielleicht fair bezahlt genäht, die Baumwolle aber nicht fair bezahlt gepflückt worden ist. Vielleicht liegt das alles innerhalb eines Bereiches, von dem die fairen Profis nun lächelnd sagen, dass er in meiner Verantwortung läge. Ich möchte diese Verantwortung aber eigentlich nicht haben, weil der naive Teil in meinem Kopf immer noch nicht ganz verstanden hat, weshalb es überhaupt nötig und möglich ist, dass vor meiner Kaufentscheidung so viel unfaire Scheiße passieren muss. Es geht um Geld, das ist mir klar.

Dass diese Geldsäcke sich nicht schämen, darüber wundere ich mich tatsächlich auch. Und besonders, wenn ich bei Netto stehe und in Anbetracht eines Brokkoli einen kleinen Weltschmerz spüre.

 


 

Hier findet ihr die Facebookseite des unverpackt-Ladens in Hannover.

Das ist der Link zu Louisas Profil bei Instagram.

Und hier ist der Link zu ihrem zero waste-Startup.

#metoo

Ich nehme das Dossier der ZEIT 5/2018 zum Anlass, diesen Blogpost zu schreiben. Dort wird geschildert, wie Schauspielerin Esther Gemsch von Dieter Wedel bedrängt, gewürgt, beinah vergewaltigt und bis zur Halswirbelverletzung gegen das Bett geschleudert wurde.

So etwas ist mir Gott sei Dank nie passiert und es liegt mir fern, meine Schnittstellen mit der Debatte mit derartigen Vorfällen gleichstellen zu wollen. Anknüpfungspunkt ist mir der Eindruck, der das Kollektiv hinterlassen hat, das diese Vorfälle aus der Nähe oder der Ferne mitbekam.

I

Meinen ersten sexuellen Übergriff habe ich während eines Praktikums erlebt. Im Rahmen einer Veranstaltung hat mir ein Mann des Sicherheitsdienstes auf den Hintern gefasst und einmal zugedrückt. Ich war ziemlich verdattert und bin einfach weitergegangen. Ich kann mich erinnern, dass ich einen kleinen Schweißausbruch hatte und mich beim Kaffeekochen ein bisschen sortieren musste. Ich habe ihm gegenüber nichts gesagt und meiner Praktikumsstelle gegenüber auch nicht.
Später nach Feierabend habe ich die Geschichte erzählt. Wieder zu etwas Mut gelangt, sagte ich, ich wolle das melden. Die Frauen und Männern der Runde, der ich die Geschichte erzählt habe, winkten ab. Ich hätte nun mal einen großen Po und so sei das mit den Männern, das werde ich schon noch lernen und ob ich wirklich wolle, dass der Mann wegen so einer Lappalie Schwierigkeiten bekomme.
Ich war verunsichert. Ich hielt große Stücke auf die Leute, die ich als grundsätzlich empathiefähig und mindestens durchschnittlich intelligent hielt und noch halte.
Ich beruhigte mich und ließ die Sache auf sich beruhen.

II

Vor etwa sechs Jahren neigte sich mein erstes Hochschulsemester dem Ende entgegen. Ich war 21 und voller Feuereifer für mein frisches Studium. Während des Semesters hatte ein junger Dozent, damals Doktorand, Kontakt zu mir aufgenommen. Ich belegte bei ihm ein Seminar, in dem es um Medienphilsophie ging. Er habe meinen Blog entdeckt, ihm gefiele, wie und was ich schreibe. Man könne sich ja mal treffen, er habe Kontakte zum Landtag in Hannover, vielleicht könne er da was vermitteln. Ich fand das freilich ziemlich gut und sah mich schon als Stipendiatin mein Studium in Rekordzeit mit sehr guten Noten abschließen, promovieren und politische Karriere machen. Der Dozent erzählte von sich, seinem Werdegang, davon, dass er eine schwere Krankheit hätte, wie lange seine Beziehungen bisher hielten und dass er nach seinem Grundstudium Gott sei Dank einiges “nachgeholt” habe. Ich wurde zwar stutzig, wollte mir aber natürlich nicht um den Kontakt zu Bestnoten und Karriereleiter verbauen.
Dann bekam ich mit, dass er mit einer Kommilitonin mailte, die damals in einer Band sang. Ihm gefiele die Musik und er habe Kontakte und so weiter und so fort. Außerdem Sätze wie “Den lila Pulli heute habe ich nur für dich angezogen.”
Ab da war ich so misstrauisch, dass ich den Mailverkehr einschlafen ließ. Mir war klar, dass die Kontakte zum Landtag vielleicht vorhanden waren, aber nicht hergestellt werden sollten. Außerdem war ich natürlich gekränkt.

Ich wollte trotzdem eine Hausarbeit bei ihm schreiben, weil ich mir sagte: Du bist professioneller als das. Und freilich habe ich vorausgesetzt, auch er könne sich auf ein Mindestmaß Professionalität einlassen.
Ich schickte ihm meine Idee zu einer Hausarbeit und erhielt eine Antwort, die teilweise auf mein Hausarbeitsthema (Facebook und akratische Handlungen) einging und mit der Frage endete, ob “es für mich Tabus in der Auswahl möglicher Sexualpartner” gäbe.
Ich wimmelte ihn ab, habe die Hausarbeit gecancelt und nie wieder ein Seminar bei ihm belegt.
Er hat die Uni irgendwann verlassen und 2016 in Heidelberg promoviert. In der Zeit, in der er in Hannover war, häuften sich die Geschichten um ihm. Ständig kam einem etwas zu Ohren, irgendjemand wusste immer, wer ihm zuletzt auf den Leim gegangen war. Vor einigen Wochen saß ich nach einer Veranstaltung mit Dozierenden meines Instituts zusammen, denen ohne namentliche Nennung sofort klar war, um wen es geht.

Reaktionen

Als ich die Frage nach den Tabus und den Sexualpartnern gelesen hatte, las ich sie nochmal und nochmal. Dann rief ich meine Mutter an, die als entschiedenste Frau in meinem Umfeld hoffentlich die richtigen Worte finden würde. Sie riet mir von der Hausarbeit ab, sowas ginge nicht, aber ich solle mich erst mal beruhigen. Ich war nämlich ziemlich durch den Wind, sauer und verwirrt: War das dieses akademische Leben? Aha.
Dann ging ich in die WG-Küche. Die beiden Mitbewohnerinnen waren angemessen empört, aber mussten dann auch los.

Ich ging zur Gleichstellungsbeauftragen. Sie sagte: Nun, es ist ja nichts passiert, was gegen Ihren Willen gewesen ist, oder? Ich kann da leider nichts machen. Vielleicht meiden Sie den Mann künftig lieber?

Ein Jahr später an einem Donnerstag kam die Fachrat der Studierenden meines Instituts zusammen. Ich war seit dem ersten Semester Mitglied des Fachrats, wir organisierten Sommerfeste, Filmabende und kümmerten uns im weitesten Sinne um die Belange der Studierenden. An diesem Abend ging es um den Preis für exzellente Lehre, der regelmäßig an Dozierende verliehen wurde. Der Verfasser der obig zitierten Frage wurde in die Runde geworfen, ob wir den nicht für den Preis vorschlagen wollen.
Ich sagte, ich wolle vorher etwas erzählen, wir schlossen die Tür, ich erzählte obige Geschichte und die nickenden Köpfe verrieten mir, dass der Plot so richtig niemandem überraschte.
Ich weiß gar nicht mehr, auf was wir uns geeinigt haben. Ich erinnere nur, dass die Nominierung nicht gleich vom Tisch war, da sich besonders eine Kommilitonin dafür stark machte, dass er doch aber hervorragende Lehre betreibe und man doch nicht verantwortlich sein wolle für das Scheitern einer so vielversprechenden Hochschulexistenz.

Genau das hält mich auch hier davon ab, seinen Namen zu nennen. Ich denke: Es ist doch nichts passiert. Er hat dir nichts getan. Gleichzeitig steht die Frage da: Wenn du es ‘nichts’ findest, weshalb erzählst du es dann? Weshalb geht es dir dann immer noch im Kopf herum?
Ich weiß, dass dieser Mann systematisch besonders Erstsemester angeschrieben und eingewickelt. Ich weiß, dass einige von ihnen sich mit ihm getroffen haben in dem Glauben, sie seien die einzigen.

Ausnutzen der mächtigeren Position. Ausnutzen von Abhängigkeiten. Diese Prädikate passen in jedem Fall auf das Profil dieser Masche.

Eine Masche war das definitiv. Und damit möchte ich in eine kleine Wutrede überleiten:
Ich habe im Kontext dieser Posse immer wieder gehört, dass er “eben ein Mann” sei. WAS IST FALSCH MIT EUCH? Der Typ hat einen Doktor in Philosophie, IN ETHIK! Der weiß, was er tut und er tut es trotzdem. Er weiß um die Position, in der sich die Studentinnen befinden. Er ist reflektiert genug, um zu wissen, dass “Freiwilligkeit” kein nur einmal einfach auszulegender Begriff ist. Es geht nicht darum, dass da ein Typ einer Frau nach zwei Bier an der Bar zu nahe kommt (auch wenn ich in Rage auch gerne darüber reden würde.), sondern um systematische und damit bewusste Ausnutzung seiner Position, an deren Ende am besten ein “Aber sie hat es doch freiwillig gemacht.”-Vögelchen steht.
Ich möchte brechen auf den Mann, der das OPFER (sic.) seiner Triebe ist. WAS IST FALSCH MIT EUCH? Die Frau als Co-Opfer, als Kollateralschaden, als unabänderlicher Katalysator des EIGENTLICHEN OPFERS?
Ich meine, wie einfach ist das denn: Der plötzliche Trieb als etwas wie Alkohol oder Drogen, das einfach hier und da von der Verantwortung für große Scheiße entbindet. FUCK YOU.

Wir haben in der Fachschaft die Füße stillgehalten und ein paar Semester später Ärger vom StuRa oder AsTA oder irgendeinem anderen extrem großen, wichtigen Organ der studentischen Selbstverwaltung dafür Ärger bekommen: Es sei unsere Aufgabe als Fachrat, dagegen vorzugehen.
Unser Versäumnis hat diese Institutionen nicht tätig werden lassen. Niemand wurde tätig. Ich heute werde auch nicht wirklich tätig, weil ich den Namen nicht preisgebe. Weil ich nicht verantwortlich sein will für Probleme, Karrierebruch und Arbeitslosigkeit. Oder ein vergleichbares Szenario. Weil ich mich dafür schäme, es nur immer wieder bei Gelegenheit zu erwähnen und dafür, damals nicht wenigstens mit einem unserer Profs gesprochen zu haben. Weil etwas in mir denkt: Aber es doch gar nichts passiert.

Wette

Ich wette, dass an beinah allen Universitäten Vorfälle in mindestens diesem Ausmaß passieren. Wahrscheinlich an jeder. Tutor gegenüber Tutandin, Doktorand gegenüber Studentin, Professor gegenüber Doktorandin und so weiter. Vielleicht wird das die nächste Welle in dieser Debatte.
Ich hoffe, dass jedem kleinen Licht, der etwas dieser Art in seiner Vita hat, in diesen Tagen der Arsch auf Grundeis geht. Und ich hoffe künftig auf mehr Entschiedenheit und mehr Solidarität. Und mutige Frauen, die ihre Geschichten erzählen. Vielleicht auch mutig genug, um Namen zu nennen und damit tatsächliche Veränderung loszutreten.

Ich habe mich damals in meiner Ratlosigkeit allein gelassen gefühlt. Es geht nicht um Straftaten oder um körperliche Verletzungen. Es ist eine Erniedrigung, die in einer Grauzone stattfindet, die die Rechtfertigung von Konsequenzen offenbar schwierig macht. Opfer, die sich nicht Opfer genug sind, um die Täter zu konfrontieren. Die Angst, nicht verhältnismäßig zu handeln.
Mich hat dieser Text und besonders seine Veröffentlichung einiges an Überwindung gekostet, denn ich bin von seiner Relevanz immer noch nicht gänzlich überzeugt, schließlich ist ja nichts passiert.

#WeRemember

Erinnerungen an Menschen.

Erinnerung an Unbeschreiblichkeiten.

Erinnerung an das, was der Mensch zu tun in der Lage ist.

Erinnerung daran, dass der Fortgang der Zeit nicht Fortschritt bedeutet.

Erinnerung daran, dass wir heute für morgen Verantwortung tragen.

Erinnerung daran, dass Frieden Entschlossenheit braucht.

Erinnerung daran, dass wir weiter erinnern müssen.

Erinnerung an Zukunft.