Privileg, das

„Ein Privileg (Plural Privilegien, von lateinisch privilegium „Ausnahmegesetz, Vorrecht“) ist ein Vorrecht, das einer einzelnen Person oder einer Personengruppe zugeteilt wird.“, steht bei Wikipedia. Privileg ist ein Wort, das ich immer wieder googlen muss, denn ich kann mir nicht merken, wie es richtig geschrieben wird.

Ich bin etwas, das ich als privilegierten Menschen bezeichnen würde: Ich bin sehr behütet aufgewachsen als jüngstes von vier Kindern. Ich hatte eine schöne Kindheit, ich kam in der Schule gut zurecht, hatte einen lebhaften Freundeskreis und galt zwar als seltsam, wurde aber anerkannt. Meine Eltern standen immer hinter mir, sie haben mir ermöglicht, mich nach dem Abitur erstmal zwei Jahre umzugucken und stellten keine drückenden Fragen, als das zehnte von sechs Semestern Regelstudienzeit angebrochen ist.

Das klingt wie die Ankündigung eines klageneinleitenden Abers und es ist tatsächlich nicht so, dass ich nichts zu beanstanden hätte: Vorallem diese Sache mit dem Geld macht mir Kummer, denn ich habe mich vor einem Jahr dazu entschlossen, einen Hund bei mir einziehen zu lassen. Diese Entscheidung zog einen Umzug und drei Monate doppelte Miete nach sich, was all meine Reserven verlangt hat. „Geld macht nicht glücklich“ stimmt, aber kein Geld macht Sorgen, die ich erst im Verlauf des letzten halben Jahres aus der Nähe kennengelernt habe.

Es ist modern, sich über das auszulassen, was nach diesem Aber folgt: Probleme geben Gesprächsstoff und Leiden macht wichtig. Wer einfach zufrieden ist, der schaut nicht genau genug hin, der ist naiv oder arbeitet einfach zu wenig. Der Satz „Ich bin dankbar.“ hält sich nur mit Mühe einen esoterischen Schleier vom Laib.

Niemandem geht es uneingeschränkt gut, jeder hat seine Abers, die bei einigen dazu zu führen scheinen, dass sie sich weigern, ihre Privilegien als genau diese wahrzunehmen. Vielleicht, weil es etwas unmoralisches an sich hat, sich bewusst mit Menschen oder Menschengruppen zu vergleichen, denen es schlechter geht: Das Aufwerten der eigenen Lage durch die Missstände anderer gilt zurecht als nicht okay.
Es geht hierbei allerdings nicht um eine Wertsetzung, sondern um die bewusste und korrekte Wahrnehmung eines Verhältnisses. „Mir geht es besser als ihm.“ ist zunächst keine Aufwertung, sondern eine Feststellung.

Aus dieser Feststellung kann bei großer Ungleichheit die Idee wachsen, diesen Unterschied ausgleichen zu wollen. Das bewusste Privileg als Antrieb für gesellschaftliche Veränderung, die das Vorrecht der einzelnen in allgemeine Rechte für alle verwandeln möchte. Ein hehres Ziel, für das es Mut und/oder Anstand braucht, schließlich ist so ein Privileg grundsätzlich eine ganz angenehme Angelegenheit.

Leichter ist es,  das eigene Privileg durch das anderer zu kontern. Es sind Angewohnheiten dieser Zeit, die das bewusste Privileg schwierig machen: Kaufen und Kapitel funktioniert auf unzufriedenem Boden wesentlich besser. Der Vergleich mit dem, dem es besser geht, lässt die Zufriedenheit schrumpfen und die Dankbarkeit schmelzen. Wie kann ich sagen, ich sei privilegiert, wenn die schon wieder ein neues Auto hat?

Das Auto allein macht natürlich nicht glücklich. Eine Verbindung zwischen Privilegien und Geld ist dennoch nicht von der Hand zu weisen: Ein bestimmtes Minimum ist nötig, um überhaupt gesellschaftlich partizipieren zu können. Der Zugang zu Bildung ist an finanzielle Mittel gekoppelt, Informationen und Gesundheit – irgendwo kreuzt alles das eigene Konto.

Weihnachten hat mein Finanzen endlich wieder geschwärzt. Der Geldprivilegthese folgend sieht es aktuell also immer noch mäßig aus. Trotzdem nehme ich mich als unheimlich privilegiert wahr: Meiner Familie geht es gut und meinen Freunden auch. Ich studiere, es macht mir immer noch unfassbaren Spaß. Außerdem habe ich die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen. Und das ist, was ich mit Blick auf die Übersetzung Privileg als „Vorrecht“ klarste als ein solches empfinde: Gegenüber anderen Menschen, die aus gesundheitlichen, familiären, finanziellen oder politischen Gründen nichts oder kaum etwas ändern können.
Es mündet in gigantischen Wörtern wie „Gesundheit“ oder „Frieden“. Letztlich empfinde ich, die das Glück hat, gesund sein und in Frieden leben zu dürfen, diese Begriffe als sehr abstrakt. Was absurd ist, da diese beiden Dinge die Basis für alles geben, was meinen Alltag ausmacht. Auf diesen angewendet bedeutet das: Ich muss nichts. Ich kann morgen nach Portugal ziehen. Ich kann meinen Job kündigen und einen anderen annehmen. Oder alles so lassen, wie es jetzt ist.

Die Tatsache, dass ich könnte, es aber nicht möchte, erscheint mir als unschätzbar privilegiert. Trotz aller Abers, die in Wirklichkeit nicht einschränken, sondern vielmehr das, was gut ist um das, was weniger gut oder schlecht ist, ergänzen.