Perspektiven

In Berlin soll eine Fassade renoviert werden. Es handelt sich dabei um eine Wand der Alice Salomon Hochschule in Berlin Hellersdorf, an der ein Gedicht des Dichters Eugen Gomringers, das so geht:

avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador.
Zu Deutsch: Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.

Im Zuge der Renovierung soll dieses Gedicht überpinselt und ersetzt werden. Seinen Ursprung findet dieser Plan nicht in der nötigenden Baufälligkeit des Gebäudes, sondern in einem offenen Brief, den der dortige AsTA letzten April geschrieben hat. Der Vorwurf lautet, dass „dieses Gedicht nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition [reproduziert], in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.“

Das Ende langer Debatten ist nun der mehrheitlich gefällte Beschluss, der Forderung des AsTA zu folgen und das Gedicht zu entfernen.

Davon halte ich zunächst wenig, denn ich kann die Assoziationskette Blumen – Frauen – Bewunderer – sexuelle Belästigung nur schwer nachvollziehen und bin der Auffassung, dass derlei hektische Rezeptionen die aktuelle metoo-Debatte um eine paranoide Hysterie ergänzen, von der ich denke, dass sie dieser relevanten und wichtigen Diskussion nicht gut tut.
Kunst ist schwierig. Ohnehin schon und erst recht, wenn sie sich auf moralisches oder gar rechtliches Terrain begibt, ob nun gewollt oder nicht. Bekanntestes Beispiel dieses Spagats ist wahrscheinlich Böhmermanns Erdogan-Gedicht. Was darf Kunst? Soll Kunst was? Und wenn ja, was? Bis wann ist etwas Kunst? Ab wann nicht mehr?

Ich denke nicht, dass ein Mann, der Frauen schön findet, ein Sexist ist. Ich denke auch nicht, dass ein Mann, der äußert, dass er Frauen schön findet, ein Sexist ist. Aber ich denke, dass der Kunstkanon, in dem vor allem Männer auftauchen, die äußern, dass sie Frauen schön finden, sexistisch ist. Und ich denke auch, dass der AsTA mit dem ersten Teil der oben zitierten Beschwerde recht hat.

Frauen tauchen in Kunst als wegen ihrer Erscheinung bewundernswert auf. Sie inspirieren den Mann, zeigen und präsentieren sich ihm mindestens in seiner Vorstellung. Sie rettet ihn und fällt dieser Rettung manchmal selbst zum Opfer. Schon vor rund 2500 Jahren schrieb der griechische Dichter Euripides das Stück „Alkestis“, in dem sich eine Frau aus Liebe zu ihrem Mann für dessen Unsterblichkeit opfert. Ich mein: Wie cool kann man sein?
Für diese Erkenntnis hat es freilich nicht den Brief eines Berliner Studierendenverbands gebraucht. Sexismus und Kunst im weitesten Sinne lässt sich sehr erfolgreich googlen. Oder wie Elisabeth Raether 2016 in der ZEIT schreibt: „Wer sich jetzt wieder über Bertoluccis Film „Der letzte Tango in Paris“ aufregt, darf nicht ins Museum gehen: Der Kanon der abendländischen Kunst besteht nun mal aus Männerfantasien.“

Das wird umso deutlicher, wenn man sich berühmte Gemälde anschaut, die man mit einer anderen Besetzung kennt. Zum Beispiel ‚Die Erschaffung Gottes‘ von Michelangelo:

michaelangelo.jpeg

Ja, aber. Michelangelo hat nun mal weiße Männer und nicht schwarze Frauen gemalt und das Bild ist mit weißen Männern berühmt geworden und warum darf ich denn jetzt nicht mal mehr Michelangelos Bilder angucken?
Es spricht nichts dagegen, weiterhin die Originalversion des Gemäldes schön zu finden. Es spricht aber auch nichts dagegen, darüber nachzudenken, warum in europäischen Museen überwiegend Bilder von weißen Männern hängen, die weiße Männer oder schöne Frauen gemalt haben und ob die Sehgewohnheit „Oh, mal wieder ein mächtiger Feldherr!“ und „Ach, die ist aber wirklich schön. Und dieses Bäuchlein!“ eine gute ist.

An dem historischen Fakt lässt sich nichts mehr rüttelnn. Aber die Demut gegenüber kanonisierter Kunst ist kein unveränderbarer Geschichtsteil. Ich kann mich der Autorität sog. „großer Künstler“ nicht entziehen. Kunst als Zugang zu Wissen und Welt soll in meiner Vorstellung meine Blickwinkel auf Tatsachen weiten und meinen Perspektiven eine gewisse Dynamik verleihen. Wenn ich mit diesem Anspruch in ein Museum gehe und mich den oftmals riesigen, schönen Leinwänden nicht einfach hingebe, dann werden die meisten Ausstellungsräume, aber auch Bücher oder Gedichte diesem Wunsch in Hinblick auf die Rolle der Frau nicht gerecht.

Fruchtbar wird die Auseinandersetzung mit genau dieser Reflexion der Perspektive, die so gewohnt ist, dass sie nicht mehr auffällt. Das ist in diesen Breiten seit vielen, vielen Jahren die des Europäers bzw. des europäischen Mannes. Das macht Europäer und europäische Männer nicht zu etwas schlimmen. Es wäre aber schön, wenn häufiger die Alternativlosigkeit der Perspektive in Frage gestellt würde. Hätten wir das gleiche Bild von unserer Position in der Welt, wenn uns in der Schule amerikanische Weltkarten vorgelegt würden? Hätten wir die gleichen Rollenbilder im Kopf, wenn im literarischen Kanon mehr weibliche Literatur vertreten wäre? Hätten wir einen anderen Eindruck von fremden Ländern, wenn Menschen anderer Herkunft in Kunstwerken eine andere Rolle einnehmen würden?

amerika

Ich wage zu vermuten: Es wäre anders. Und dieser Konjunktiv ist es wert, nicht sofort mit „Ja, aber ist halt nicht so.“ abgeschmettert zu werden.

Was nun die Blumen auf der Berliner Fassade anbelangt, bin ich trotzdem der Meinung, dass die Kunst von Eugen Gomringers den Wunsch nach vermeintlicher politischer Korrektheit hätte überstehen sollen, schließlich hat er nicht das Heideröslein wieder aufgelegt.