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Super Trouper

Ein romantischer Text über die hervorragende Zeit, die ich mit 18 Jahren in einem kleinen Auto auf Fahrten über niedersächsische Landstraßen verbracht habe.

Meinen Führerschein habe ich am 22.02.2009 gemacht, gut fünf Monate vor meinem 18. Geburtstag. Die Fahrschule hieß Joker und fast 12 Jahre später kann ich gestehen, dass ich ein bisschen in meinen Fahrlehrer – Bernd – verliebt war. Das hat damals für viel emotionales Durcheinander gesorgt, denn ein Mitfahrschüler – Chris – hatte sich wiederum in mich verliebt und ganz allgemein war in diesem Winter 08/09 in einer niedersächsischen Kleinstadt rundum die Dorfdisco Die Mausefalle sehr viel los.

Ein halbes Jahr später schrieb er – Chris – mir immer noch Briefe in Bibi Blocksberg Kassetten-Verpackung, in denen er kein Gras über Liebe wachsen lassen wollte. Derweil hatte ich ganze Kunstrasenflächen über jede amouröse Bindung gelegt, denn ich fuhr viel lieber Auto: Mein großer Bruder hatte mit seinen lila Polo 6N mit satten 45 PS und zwei kräftigen Musikboxen im Kofferraum vermacht. Die Landstraßen waren mein: Das Handschuhfach voller Nussriegel – Mr. Tom – und einen längst nicht mehr riechenden Duftbaum am Innenspiegel. Schmale Landstraßen, die in Städten nicht als Seitengassen taugen würden, führten mein Auto, mich und wechselnde Beifahrer*Innen durch Orte, die Ahlum, Wendessen, Atzum oder Schöppenstedt hießen.  

Da ich in einem Dorf groß geworden bin, das am äußersten Rand des Einzugsgebiets meines Gymnasiums liegt, war ich Dreh- und Angelpunkt von Fahrgemeinschaften, deren Bestandteile ich für schweigsam-missmutige Schulwege einsammelte. Ohne diesen Rest von teenagereskem Verantwortungsgefühl wäre ich wahrscheinlich häufig zu spät gekommen und so verdanke ich meiner zuverlässigsten Mitfahrerin – Barbara – wahrscheinlich den ungetrübten Ruf im Lehrerzimmer, immerhin freundlich und pünktlich zu sein.

In der Oberstufe lernte ich jemanden kennen. Sie heißt Wiebke und wir wurden in der Elften in den gleichen Kunstkurs bei Frau Laudien gesteckt, Donnerstag erste und zweite Stunde. Wir saßen uns dort im Nebengebäude gegenüber, ich mit Blick Richtung Altstadt, sie mit Blick Richtung Schule und unterhielten uns ganz so, wie man das im Kunstunterricht morgens um 8 tun kann. Diese Freundschaft, die neben Frau Laudiens sehr ungleich großen Brüsten begann, zählt heute immer noch zu meinen wichtigsten.

Ich fuhr oft zu Wiebke, was ein bisschen dauerte, denn sie wohnte am anderen Ende dieses gymnasialen Einzugsgebiets. Sommernächte, die wir im Garten ihrer Mutter auf dem Trampolin lagen und in den dorfdunklen Nachthimmel geschaut haben, nebenan im Stall schnaubten manchmal ihre Pferde. Und es war genauso unbedarft, wie es hier steht, denn in Gesprächen ging es weniger um Chrisse oder Liebe, als um Filme – Herr der Ringe – und viel zu prominente Männer – George Clooney und Viggo Mortensen. Klar, waren wir neugierig auf all das, was wir bis dahin nur aus Filmen – Pornos – kannten, aber auch nicht so sehr, als dass uns etwas gefehlt hätte.

Irgendwann bin ich dann nachts wieder zurück ans andere Ende des Landkreises gefahren, was kein Problem war, denn ich war keine Freundin des Alkohols. Im Kofferraum wummerten dumpf die Boxen unter lauter Popmusik, was meinem Vater, der schon vor und noch nach diesen Jahren nachts in der Küche gelesen hat, früh meine Heimkehr angekündigt haben muss. Bei dem saß ich dann mit einem faden Glas Leitungswasser auf dem Sofa in der Küche und wir haben uns unterhalten. Das war schön, das fand ich damals schon und heute umso mehr.

Kurze Nächte machen einem mit 18 erst etwas aus, wenn sie morgens um 8 in irgendeinem Kurs enden. Ich weiß noch, dass ich eine ganze Geschichts-Einheit einfach verschlafen habe, wofür ich allerdings auch heute noch den Lehrer – Herrn Weiler – verantwortlich mache, der uns jede Woche zur Ersten um 7:40 Uhr eine mehrteilige Doku-Reihe in diesem traumhaft dunklen Filmraum gezeigt hat.

Nach Schulschluss ging es durch den Innenhof, über den Schulhof, am Bio-Gebäude und Bolzplatz vorbei zum Parkplatz. Diesen Weg habe ich bis zum Ende meiner Schulzeit genossen, denn wenn man ihn ging, dann hatte man was: Ein Auto. Alle anderen mussten in die entgegengesetzte Richtung und durch die Stadt zu den Bushaltestellen. Häufig klemmte hinter einem der Scheibenwischer ein abgerissener Zettel mit einer kleinen Notiz, die mir Wiebke dort hinterlassen hatte, wenn sie früher als ich Schluss hatte.

2018 treffen Wiebke und ich uns in eben jener Stadt, um in dem kleinen, kettenlosen Kino des Ortes einen Film – Mamma Mia II – zu gucken. Den ersten Teil hatten wir 10 Jahre zuvor ca. fünfmal im Kino gesehen. Einmal ist er in der regionalen Beach Bar – Okercabana! – gezeigt worden und wir sind beide einfach im Strand eingeschlafen. Wiebke ist sowieso ständig überall eingeschlafen, ich war auch müde und da wir die Handlung ja schon gut kannten, passte dieses Nickerchen einfach hervorragend zu diesem Abend und zu diesem Sommer.

Die Lieder hörte ich auf der Heimfahrt einfach nochmal. Die CD-Hülle zum Soundtrack hatte irgendwann tiefe Risse, die unangenehm scharfkantig waren, wenn man sie etwas zu schnell öffnen wollte. In meinem Polo 6N mit 45 PS wurden zwar gute Gespräche geführt, aber es wurde nicht besonders sorgsam mit Dingen umgesprungen, auch nicht mit denen, die ich gerne mochte. Umso erstaunlicher, dass die CDs diese wilden Fahrten alle ganz gut überstanden haben und auch der Mamma Mia!-Soundtrack mir bis zum Ende des kleinen Autos ständig heitere Gesellschaft leisten konnte.

Die Musik war umso dringender laut zu hören, weil der Motor schon bei mittleren Geschwindigkeiten unangenehm geräuschvoll wurde. Und so zog ich mit meinen 18 Jahren fröhlich mit bumslauter ABBA-Musik über die Landstraßen und ließ mich von tiefergelegten Golf GTIs überholen. Es sind wirklich goldene Erinnerungen an diese beiden Sommer, in denen aus all der neuen Freiheit der Volljährigkeit noch keine Verantwortung gewachsen war. Gerade jetzt im Corona-Winter 2020, denke ich gerne an diese Monate zurück und höre manchmal (ehrlich gesagt: ziemlich oft) Meryl Streep beim ABBA Singen zu, um fröhlich zu bleiben.

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