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„Doch, das ist schlimm.“

Empathische Kommunikation funktioniert nicht intuitiv. Ihre Basis sind Ruhe und das Unterdrücken gut gemeinter Impulse.

How to Empathie

Wir sollen empathisch mit unseren Mitmenschen umgehen. Das hat jeder schon mal gelesen, in letzter Zeit vielleicht noch häufiger als sonst und in einem weiten Sinne wissen wahrscheinlich auch alle, was damit gemeint ist. Aber wie kann man die umsetzen, diese Empathie? Wann nimmt mich mein Gegenüber als empathische Person wahr? Hier folgen wenig systematisch einige Do’s und Dont’s empathischer Kommunikation.

Real empathy is not insisting that it will be okay but acknowledging that it is not.

Sheryl Sandberg

Ich liebe dieses Zitat sehr, denn es spiegelt wider, was für die meisten eine große Herausforderung und die Basis empathischer Kommunikation ist: Erkenne an, dass es für die sprechende Person genau das ist, was sie artikuliert. Ein Problem, eine Schwierigkeit, Kummer, Pessimismus, Selbstzweifel, Trauer – natürlich aber auch Freude, Begeisterung, Euphorie, Optimismus.

Das ist nicht einfach. Denn der natürliche Impuls ist wahrscheinlich, die andere Person zu trösten. Es ist eine Art Pflaster-Kommunikation, die bei Kleinkindern prima wirkt, wenn verhindert werden soll, dass sie anfangen zu weinen, weil sie sich irgendwo ein bisschen gestoßen haben. Empathische Kommunikation ist aber kein Pflaster, kein Verbergen der Wunde, sondern die Auseinandersetzung mit ihr. Und das ist nicht schön. Jemandem dabei zuzuhören und / oder zuzusehen, wie es ihm schlecht geht, ist unangenehm, zahlt sich aber aus. Wir haben hoffentlich alle schon einmal die Erfahrung gemacht, wie wohltuend und lösend es ist, sich authentisch und entspannt ausheulen zu dürfen.

Das heißt, dass es erstmal darum geht, das Gegenüber dazu zu ermutigen, weiter zu sprechen und sich je nach Bedürfnis weiter zu öffnen und zu offenbaren. Das kann man ganz konkret verbalisieren, indem man in etwas sagt:

  • Magst du mit das näher erklären?
  • Rede ruhig weiter, wenn du möchtest.
  • Ich sehe, dass es dich gerade traurig / wütend / hilflos / insert Emotion macht, darüber zu sprechen.
  • Nichts.

Letzteres ist mein persönlicher Endgegner: Nichts sagen. Er erweist sich immer wieder als erstaunlich wirkungsvoll. Einfach die Entgegnung pausieren, abwarten, ob die Person von allein weiterspricht, Gedanken und ihre Verbalisierung nicht unterbrechen.

Was man nicht sagen sollte, sind Sätze wie:

  • Das ist doch kein Problem.
  • Ich finde das nicht schlimm.
  • Ich habe eine Lösung dafür, pass auf: Insert Lösungsvorschlag.

All diese Reaktionen sind hervorragende Beispiele für „gut gemeint“ und verbinden sich meistens easy mit dem oben beschriebenen Impuls, verhindern zu wollen, dass es jemandem schlecht geht bzw. möglichst schnell dafür zu sorgen, dass sich die Situation wieder zum Guten wendet. Das ist ein ehrenwerter Gedanke, aber: Solche Sätze als erste Reaktion sind nicht empathisch. Hier ein kurzes Ausschweifen, weil es ein gemeiner Haken ist: Man nimmt wahr, dass es jemandem schlecht geht, man fühlt mit, man will helfen. All das sind wahrscheinlich haushaltsübliche Kennzeichen von Mitgefühl und Empathie. Aber wie bei so vielen Sachen: Es geht sowohl um Dosis, als auch um Timing. Es spricht natürlich nichts dagegen, sich auf gemeinsame Lösungssuche zu begeben. Aber eben erst, nachdem das Problem in seiner Gänze dargelegt werden konnte. Und wenn wir ehrlich sind: Wenn wir uns an jemanden wenden, weil es uns nicht gut geht, was wollen wir dann? Erzählen, Ausreden, emotional werden – oder eine Lösung? Wahrscheinlich lange erst das eine und später irgendwann das andere.

Dafür hilft es, sich vor Augen zu führen, welche Wirkung ein Satz wie „Das ist doch kein Problem.“ hat, wenn er auf eine Person trifft, die aber ganz offenbar ein Problem hat – sonst würde sie ja nicht darüber sprechen wollen. Die Lösungen, die dann im Handumdrehen folgen sind – hands down – doch meistens auch keine Geniestreiche auf die man nicht hätte selbst kommen können. Einer empathischen Kommunikation liegt die Anerkennung einer Schwierigkeit zugrunde, so überwindbar diese nach außen hin auch scheinen mag. Empathie schließt aus, dass Problemhaftigkeit durch derlei Sätze aberkannt oder klein geredet wird.

Bildung heißt, sich die Dinge vom Standpunkt eines anderen ansehen zu können.

Hans-Georg Gadamer

Die Frage, die empathischen Gedanken zugrunde liegt, ist weniger „Wie würde ich mich an dieser Stelle fühlen?“, sondern viel simpler: „Wie geht es meinem Gegenüber an dieser Stelle?“ Wir haben nicht die gleichen Maßstäbe, wunden Punkte, Empfindlichkeiten, Ängste oder Aufgaben. Auch dieser Aspekt greift wieder in den Pflaster-Impuls: Jemand erzählt, dass er traurig ist, weil sein Hamster gestorben ist und wir antworten mit der Anekdote über den Hamster einer Klassenkameradin von 1998, die auf dem Schulhof angefangen zu weinen, weil ihr Hamster gestorben ist. Darüber findet sich eine entspannte Brücke zu Schulhöfen im Allgemeinen und schon ist man erfolgreich geflohen vor dem Hamster-Kummer des Gegenübers.

Dieser überaus starke Impuls ist der Grund für die obige These: Empathische Kommunikation funktioniert nicht intuitiv. Sie setzt sich zusammen aus sehr bewussten kommunikativen Akten, die Konzentration und Überwindung kosten und den Mut, dem anderen tatsächlich näher zu kommen. Die Alternative zur Anekdotischen Abwehr ist zum Beispiel die Neugier: Wenn es dir schwer fällt, nachzuempfinden, weshalb die Person so traurig über den Verlust ihres Hamsters ist, dann frag sie, was der Hamster für eine Rolle in ihrem Leben gespielt hat und dann sei leise und hör zu. Es wird gut.


Wer sich mit effektiv empathischer Kommunikation mehr auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich zum Einstieg ein YouTube-Video, das sich der vertrackten Frage: „Liebst du mich eigentlich?“ widmet:

Der Mann mit den Handpuppen heißt Marshall Rosenberg, er hat zahlreiche Bücher über Gewaltfreie Kommunikation geschrieben. Ein schmales, sehr unterhaltsames Büchlein zum Einstieg trägt den Titel „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation“ (ISBN: 9783451054471).

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