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Krieg auf Social Media

In Ukraine ist Krieg. Social Media schafft einen direkten Zugang zu Bildern, mit denen ich manchmal nur schwer umgehen kann.

Ich tippe das rote Herz an unter einem Bild, auf dem Soldaten zu sehen sind. In meinem Profil wird das Foto irgendwo unter „Gefällt mir“-Angaben zu finden sein. Es gefällt mir nicht, aber es ist die einfachste Möglichkeit, kurz zu signalisieren: Hier nehme ich Anteil.

Ich scrolle und der Feed stoppt über einem kurzen Video, in dem zu sehen ist, wie eine erwachsene Person einen leblosen Kinderkörper trägt. Darunter ein Meme und ein lustiges Comic.

Posts, die zu Spenden aufrufen füllen die Instagram-Stories. Die Slides werden abgelöst von Sport-Events und Essensfotos. Die Kombination wirkt deplatziert und schmerzhaft authentisch: Überall diese Gleichzeitigkeit.

Auf Twitter ein Tweet: Ihr müsst das sehen. Diese Bilder müssen geteilt werden.

In der Nachrichten-Liste zum Krieg ein Post aus drei Fotos: Ein Mann trägt ein Bündel um die Ecke. Er rennt, der Blick so konzentriert, dass es panisch wirkt. Auf der Decke, die er an sich presst, kann ich viel Blut sehen. Hinter dem Mann rennt eine weinende Frau, sie schiebt sich gerade um eine Ecke herum ins Bild und ist nicht weit hinter ihm. Auf dem zweiten Bild beugen sich beide über das Bündel, das blutig und unsortiert auf einem Metalltisch abgelegt worden ist. Der Raum ist kahl, ich denke nicht an ein Krankenhaus, auch wenn der Tisch in einen OP-Saal gehört. Das dritte Bild ist aus größerer Distanz aufgenommen. Darauf zu sehen sind zwei blasse Wände, die eine Lücke säumen. Ich weiß nicht, ob in dieser Lücke eine Tür platziert war, denn ich konnte dieses Bild nicht lange betrachten. Durch die Lücke sind der Mann und die Frau zu sehen. Er kniet vor ihr. Es sieht aus, als würde er versuchen, sie so fest wie möglich zu umfassen. Ihr Gesicht ist in allen Emotionen verzerrt. Das Bündel ist nicht mehr zu sehen.

Ich fühle mich schlecht, diese Bilder zu sehen. Weil sie grausam sind, ja, aber das ist nicht der Grund: Die beiden Personen, der Mann und das Kind aus dem Video: Ich weiß nicht, ob der Informationsgehalt der Bilder rechtfertigt, dass diese Menschen in einer solchen Lage abgebildet und diese Bilder im Internet geteilt werden. Vielleicht ist das so. Eindeutig finde ich die Antwort aber nicht.

Ein Tweet fragt nach ethischem Medienkonsum. Ich finde das eine spannende Frage, weil sie die Medienethik um den Bereich der Rezeption erweitert: Ich empfange mündig Nachrichten und es liegt in meiner Verantwortung innerhalb dieser Rolle, NZZ-Kommentare von Anzugrassisten abzulehnen und skeptisch gegenüber Bildern zu bleiben, die mir die sozialen Medien dieser Tage vor die Füße spülen.

Während Corona habe ich die „False Balance“ kennengelernt: Der Begriff beschreibt eine mediale Fehl- oder Falschgewichtung, die dadurch entsteht, dass bspw. einer Forschungsposition, die von 100 Wissenschaftler:innen bekleidet wird, innerhalb eines Textes genau so viel Raum gegeben wird wie einer Forschungsposition, die nur 2 Wissenschaftler:innen teilen.
Der Vergleich, den ich nun anstelle, hinkt an der ein oder anderen Stelle, aber ich mache ihn trotzdem: Bilder von verwundeten oder gestorbenen Menschen stehen in den Feeds neben Heldengeschichten oder Videos von Kindern, die im Luftschutzbunker rührende Disney-Lieder singen. Das macht Krieg auf Social Media zu einem eigenartigen Schauspiel, das ich gerade noch so ertragen kann, weil mir ab und an Entlastung durch Katastrophenromantik gegönnt wird. Dabei weiß ich, dass an der Situation, die in der Ukraine heraufbeschworen wurde, exakt nichts romantisch ist. Das ist keine Möglichkeit für Heldengeschichten, sondern indiskutable Scheiße.

Ich bin irritiert von der Dynamik, die teilweise entsteht. Menschen applaudieren einer Nachricht über getötete russische Soldaten. Ich verstehe, warum das so ist und ich verstehe es gleichzeitig nicht. Mir gefallen diese Bilder nicht. Keins davon. Jedes angetippte Herz meint eigentlich nur: Ich habe keine Ahnung, was ich tun kann.

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