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Zimmer 404: found

Ich bin im Zimmer 404 in einem Berliner Hotel eingebucht und kann nicht schlafen, weil ich lieber zuhause wäre.
Zimmerkarte zu meinem Zimmer 404.

Immerhin das Bett ist bequem. Mit dieser Feststellung beginnt der Abend darin eigentlich recht versöhnlich: Nach einem Bad mit dem Badezusatz „Für Muskeln und Gelenke“ lege ich mich auf die mittelharte Matratze und mir meine Wärmflasche auf den Bauch: In Tagen zuvor hatte mich ein Magen-Darm-Virus geplagt und ich war nicht ganz sicher, ob meine Begeisterung über den winzigen Wasserkocher im Hotelzimmer größer war als jene über meinen Geniestreich, am Morgen noch im Internet nach der Zimmerausstattung zu gucken und daran zu denken, meine Wärmflasche einzupacken.

In Anbetracht der vorangegangenen Tagen und ihrer Ausscheidungen fällt die Trostquelle einsamer Dienstreisen weg – keine fettigen Snacks für mich. Was wirklich bitter ist, denn direkt gegenüber ist ein Burger King und im Gebäude des Hotels, vier Stockwerke unter mir, ein McDonalds. Was gäbe ich drum, mich von dem Tanz aus schlechtem Gewissen und der läuternden Übelkeit nach einem Fast Food Menü in den Schlaf wiegen zu lassen.

Stattdessen schalte ich den Fernseher an. Der ist das Prunkstück einer Wohnwand, deren Farbe ich nicht benennen kann. Vom Kopfkissen aus erkenne ich immerhin ein bisschen künstliche Holzfaseroptik, die den Kunststoff durchzieht. Am Fuße des TV-Bildes läuft alle 10 Minuten ein Text durch: Pro7 informiert mich darüber, dass ich den Film auch in HD sehen könnte, so ich denn ein anderes Gerät hätte.


Ich bin aufgekratzt. Eigentlich hatte ich mich heute Abend mit Bekannten treffen wollen, aber dann kam dieser Infekt und nun ja, lieber nicht. Ich bin nicht das erste Mal in Berlin und kenne die Orte auf der Fototapete über dem Kopfende des Bettes. Sonderlich viel Angst, etwas zu verpassen habe ich nicht. Nichtsdestotrotz schweifen meine Gedanken zur Dekadenz dieser Dienstreisen, die so voll sind von „Dienst“, dass das einzige, was die „Reise“ dahinter rechtfertigt, der vorangegangene Ortswechsel mittels Fernverkehrszug ist. In Köln und Nürnberg war ich auch mal und in Nürnberg habe ich immerhin ein Eis gegessen.

Dieses Hotelbett ist ein einsamer Ort.

Ich schreibe meinem Freund: Dieses Hotelbett ist ein einsamer Ort. Ich tue mir furchtbar leid und er tut mir auch leid, denn natürlich kann er an diesem Bett und meinem Heimweh nichts ändern, so doll er es auch probiert. Es liegt wahrscheinlich in der Tragik des Hotelbetts, je nach Interpretation und Gesellschaft der schönste Ort der Welt oder maximal trostlos zu sein. Dieses Spektrum muss man erstmal abdecken!

Heimweh ist ein seltsam kindliches Gefühl, das dem Kloß im Hals den richtigen Namen gibt. Der wächst, wenn ich statt an den fantasielosen Mustertapetenstreifen gegenüber der Klotür lieber von meinem Bett aus durch mein Schlafzimmerfenster auf meinen raschelnden Hinterhofgartenbaum gucken würde. Ich vermisse mein Kopfkissen, meinen HD-Fernseher und meinen Hund. Stattdessen liege ich in diesem wirklich unfassbar einsamen Hotelbett, dessen Matratze für zwei gedacht, das aber trotzdem nur für einen bezogen ist. Ist ja auch nur für einen gebucht! Ist ja gut. Und auf dem Nachttisch dieser laminierte Nachhaltigkeitszettel, der, um seine ganze Nachhaltigkeit zu demonstrieren, der abgegriffenste Gegenstand nach dem Kunstledersessel (braun) ist.

Kongresshotels sind mitunter wirklich furchtbare Orte – und dabei ist es mir in diesem sogar noch möglich, das Fenster so weit aufzumachen, wie ich das möchte. Ich möchte nicht, denn draußen, zwischen mir und meinem Sehnsuchtsort Burger King, liegen vier Spuren Autoverkehr. Immerhin ist der Blick sehr urban.

Die blaue Zeitanzeige am Fernseher beleuchtet das Zimmer.

Ich versuche zu schlafen, aber es klappt einfach nicht: Die blaue Zeitanzeige am Fernseher ist zu hell. Ich stehe auf und baue aus der Hausordnung und dem Nichtraucherschild eine Lichtblockade auf. Irgendwie muss man doch einen Ansatz von Wohnlichkeit hier einkehren lassen können und sei es, indem der Raum komplett unsichtbar wird.

Ich möchte wirklich gerne nachhause, aber das geht nicht. So ein bisschen rest-krank nicht zuhause zu sein, ist nicht in Ordnung, da hilft auch keine Wärmflasche. Ich fühle mich deplatziert und inmitten meiner 100% privaten Melancholie irgendwie unprofessionell: Sollte mir das nicht alles viel leichter fallen?

Ich mache ein Hörbuch an. Die Abdeckung der blauen Zeitanzeige funktioniert ganz gut, sodass ich irgendwann schlafen kann.

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