Regale

Mein Herz schlägt für mich und es hält mich am Leben, aber ich möchte es dir leihen, denn ich hätte gerne, dass du darauf acht gibst. Es ist nun bei dir, wie lange auch schon, und ich schlafe unruhig, seitdem.

Wie komisch, denke ich dann, dass zu dieser Liebe noch so viel Vertrauen gehören muss, um sie genießen zu können. Aber dann denke ich auch, dass ich erst erfahren muss, dass ich dich in Ruhe lieben darf, weil du nur sanft über diese Wunde streichen und den Schmerz wohlig machen wirst.

Und dann liege ich da und frage mich, wann wir uns wohl das nächste Mal berühren. Irgendwie mag ich dieses Balancieren bis zum nächsten Mal. Ich weiß, wie schmal der Grad ist, der uns zueinander führt und genieße das aufgeregte Grummeln in meinem Körper, bevor wir uns das nächste Mal besuchen. Eigentlich ist ja ausgemacht, dass ich mich darauf freuen darf, dich zu sehen und doch gibt es Begegnungen zwischen uns, die mich traurig machen und mich mit einem Gefühl gehen lassen, dass mich ängstigt, weil ich daran zweifle, dass es etwas Nächstes geben wird, auf das ich mich zu Recht freue.

Doch ich komme einfach nicht umhin, dich so gern zu haben, dass ich mich danach sehne, dich zu sehen und dich zu berühren. Und ‘sehnen’ ist ein gutes Wort dafür, hält doch die Sehne jenes zusammen, dass uns zu den Tieren macht, die wir geworden sind. Und vielleicht verbindet mein Sehnen ja auch das letzte mit dem nächsten Uns.

Und dann bereue ich das mit dem Herz, denn ich werde nie mehr als ein Besucher sein, den du für Zeiteinheiten in dein Leben lässt. Wenn du das tust, beginne ich zu schnurren und spüre, wie mein Herz mit meinen Träumen tanzt. Und manches Mal werde ich dann übermütig und sage dir, was in meinem Bauch, in meinem Kopf los ist, wie sehr ich dich mag und wie ich mich nach dir gesehnt habe. Und wenn du das dann zur Kenntnis nimmst, glaube ich mir fast selbst nicht mehr, weil ich bekümmert den Blick senke und mir auf die Lippen beißen möchte, wie im Film, wenn die schöne Frau in der Hauptrolle das Falsche gesagt hat. Ich will mir dann nicht glauben, dass ich mir die Blöße geben mag, die Wunde wieder pochen zu lassen und selbst für den Schmerz verantwortlich zu sein, den ich mir über dich zuführe.

Fast wie eine Schürfwunde. Dann heilt sie etwas und der Rand wird schon rosig und der Schorf ganz fest. Und ich lasse die Fingernägel der anderen Hand wachsen, um langsam unter die heilende Haut zu fahren, sie von dem hellen Rand zu lösen und langsam die Verletzung frei zu legen, in die mit jedem Mal weniger Blut fließt. Und dann Schiebe ich mir den Schorf in den Mund, zerkaue ihn vorsichtig mit den Schneidezähnen und schlucke ihn, ohne ihn noch wirklich mitzubekommen, mit etwas Spucke. Das mag ich. Ich mag, wie die Zähne kurz aneinander pappen und dass es etwas mehr Kraft kostet, den Kiefer wieder zu öffnen.

Schmerzhaft, umständlich, unnötig, unwiderstehlich und irgendwie pervers lecker.

Ich liebe uns küssend. Ich werde nervös, wenn ich mir deine Zunge um meine herum vorstelle, wenn sie zärtlich zueinander sind mit der Ankündigung, es gleich nicht mehr zu sein.

Und dann denke ich manchmal auch, dass du mich liebst. Nicht so wie ich dich, natürlich, allein weil ich dich anders lieben will als du mich.

Das dauert einen Moment, vielleicht zwei, und ich will, dass alles andere so wird, wie diese Sekunden, aber dann sind sie vorbei.

Ich werde sicherlich mal dankbar darum sein, sie erlebt haben zu dürfen, aber kurz danach ist es wie nichts. Wie Vakuum. Luftleer und irgendwie schwindelig, wenn mir klar wird, dass du mich nie so lieben wirst, wie ich dich liebe, weil du mich nicht lieben wirst.

Das ist eigentlich eine einfache Gleichung, die mir logisch und verständlich ist, seitdem ich sie aufstellen kann.

All die Unzufriedenheit, die ich latent den ganzen Tag mit mir umher trage, fällt von mir ab, sobald ich nur eine Nachricht von dir bekomme und ich denken kann: Wie schön. Da ist jemand, den ich mag und der an mich denkt. Wie schön. Ich liebe dich, das würde ich gerne antworten, du tust mir gut und ich liebe dich. Denn ich liebe dich. Wahrscheinlich eher: Ich liebe dich, denn du tust mir gut.

Ich hasse diese Abhängigkeit und diese Unzufriedenheit, die sich postwendend danach wieder einstellt.

Und ich will dir noch so viel mehr geben. Sachen, die mich nackt zeigen um verletzlicher für dich zu sein. Vielleicht beeindrucke ich dich ja mit meinem Vertrauen, das ja eigentlich gar nicht gerechtfertigt wäre, weil du es nicht verdientest. Trotzdem: Ich bilde mir immer noch ein, all das provozieren zu können. Und wenn nicht, wenigstens richtig von dir auf die Schnauze zu bekommen, um mir danach einzubilden: Dass tut dir jetzt richtig Leid. Denn mal ab vom schlechten Gewissen, dass du dann bestimmt hast, wirst du mit Sicherheit niemand Besseren als mich für dich finden.

Dann fällt mir ein, dass es noch naivere Menschen mit unverbrauchten Genitalien als mich gibt, an denen du dich rubbeln und reiben kannst. Vielleicht sollte ich dir mehr zum Rubbeln und Reiben geben – auch für den Kopf. Vielleicht würdest du dich dann sogar an mich erinnern, wenn du mich verletzt und niemand Besseren gefunden hast.

Wenn ich den Text noch mal lese und merke, dass mein Herz, als ich ihn geschrieben habe, schneller geschlagen hat, frage ich mich wahrscheinlich zu Recht: Warum willst du mit ihm zusammen sein, wenn er es nicht recht will und wenn du so wütend auf ihn bist?

Keine Ahnung, denk ich dann zurück und mein Zwerchfell zieht sich zusammen, weil du mir einfällst und nicht nur das: Wenn es im Bauch so zieht wie jetzt, und es fühlt sich an wie verliebt sein, bilde ich mir ein, ist es ein Moment, in dem auch du an mich denkst. Das weißt du nicht und ich werde es dir nie sagen, denn das verrät dir zu viel über die Ecke in mir, die du dir eingerichtet hast.

Das Problem ist, dass ich dich liebe. Und, dass es ein Problem ist. Problem plus Liebe gleich Wir minus Problem gäbe Liebe gleich Wir. Irgendwie schade.