Angst ist wie Liebeskummer.

Weitermachen wollen. Aber nicht weitermachen können: Liebeskummer zeigt jedem Menschen die Grenzen von Rationalität und Wille auf.

Seitdem ich mit Leuten über meine Angst rede, ringe ich um Worte, sie zu beschreiben, denn ich stoße immer wieder auf Unverständnis und damit meine ich nicht, dass mir kein Mitgefühl entgegen gebracht wird. Sondern ich meine, dass ich einer Hilflosigkeit gegenüber Grenzen begegne, die man nicht überwinden wird, wenn man noch nie einer völlig irrationalen Panik ausgesetzt gewesen ist. Das klingt tragischer, als es tatsächlich ist. Gestern sagte mir ein Freund nüchtern und direkt, dass er sich die Exposition wirklich einfühlend versuche vorzustellen – aber der Gedanke, eine Woche lang täglich eine Stunde lang irgendwie rumzufahren, den finde einfach nur langweilig. An guten Tagen fehlt mir die Vorstellung sogar selbst. Sowas passt doch eigentlich auch gar nicht zu mir: Ich tendiere nicht zu emotionalen Extremen, Drama nur im Suff, sonst wird zunächst abgewogen und nachgedacht. Wie geht das?

Es ist schwer zu erklären. Wirklich schwer. Vorallem, wenn Situationen dieses starke Gefühl der Angst auslösen, denen objektiv jede wirkliche Gefahr aberkannt werden kann. Ich meine, Flugangst ist ja tatsächlich nachvollziehbar. Wenn das Ding abstürzt, sind alle tot. Dass ich im Flieger sitze, an diese Option keinen Gedanken verschwende, weil alles um die Kotztüte vor mir kreist: Seltsam.

Menschen sagen: “Das ist doch nicht schlimm.” und haben recht dabei. Daher hier der nächste Versuch eines Vergleichs: Verliebt sein. Kann eine enorm gute Sache sein. Schmetterlinge, kitschige Nachrichten, Aufregung. Die ersten Verabredungen, noch schnell ein Kaugummi einwerfen, Vorfreude, küssen, küssen, küssen. Läuft. Die Gedanken kreisen in einem fröhlichen Karussell um die zuckerwattesüßen Blicke des anderen Menschen und die Finger werden stromschlagschnell kalt, wenn das Handy brummt: Herzchenaugensmiley!

Nun kennen wir lebensgeplagten Menschen natürlich auch den anderen Fall. Wir lernen jemanden kennen und irgendwie ist da was. Wie der guckt, wenn wir uns unterhalten. Sie schreibt immer so nett zurück. Neulich hat er mir einen Schokoriegel abgegeben. Warum sollte sie sonst meinen Post liken.

Das erste Mal schlimm unglücklich verliebt war ich während des Abis. Er hieß Martin, wollte Theaterregie studieren und hatte schiefe, weiße Zähne, die ich genau so toll fand wie ihn. Er fand das leider nicht zurück und ich lief wieder und wieder gegen seine Wand, befeuert von hundert absurden Interpretation seiner Ablehnung, gebremst von meinen Freunden.

Aber alles Reden hatte einfach keinen Zweck. Selbst als ich verstanden hatte, dass Martin sich nicht einmal zu einer harmlosen Knutscherei würde bewegen lassen. Nicht dieses ahnende Verstehen, dass wir vielleicht doch nicht heiraten. Nein, diese aufrichtige, kummervolle, selbsterniedrigende Erkenntnis: Er. Will. Nichts. Von. Dir. Gar nichts.

Das ist nun ein relativ harmloses Beispiel im Kontext von dem, was Liebeskummer sein kann. Eine Tortur. Kopfschmerzen vom Heulen und dabei die klägliche Perspektive der Vernunft auf sich, diesen weinenden Wurm, die das Wissen schon längst ins Hirn gepflanzt hat: Es bringt nichts. Oh, tränenreiches Elend – hör’ doch auf, es ist vorbei. Und irgendwann auch die Freunde, die sagen: “Du weißt doch, dass er nicht zurückkommen wird.” und das weiß man und irgendwann ist man die Heulerei leid. Weitermachen wollen. Aber nicht weitermachen können.

Liebeskummer zeigt jedem Menschen die Grenzen von Rationalität und Wille auf. Normalerweise klingt er irgendwann ab. In Anbetracht von zig “Mit diesen Tricks kommst Du schneller über ihn hinweg.”-Blogs [87% davon gelesen] gerät dabei manchmal in Vergessenheit, dass es einfach kein Rezept gibt. Manche Sachen lindern den Schmerz [Essen und Essen bspw.], eigentlich kann man aber nur warten und auf das hoffende Wissen setzen: Es geht vorbei. Auch diesmal.

Der Wille kommt nicht gegen dieses extrem unangenehme Gefühl an, für das in hartnäckigen Fällen manchmal auch die besten Freunde kein Verständnis mehr aufbringen können. Nachvollziehbar, dass das Umfeld sich bei Treffen wieder mit anderen Dingen als der aufwändigen Betrachtung der Zeichensetzung in Kurznachrichten widmen möchte. Und dann steht der oder die Liebeskummerhabende allein dort, einzige Gesellschaft ist der Wunsch, dass es endlich aufhören möge. Diese unvernünftig-optimistische Traurigkeit, der inzwischen jeder sachliche Boden entzogen worden ist.

Meiner Angst fehlt dieser sachliche Boden ebenfalls und genau das löst in mir immer noch eine ungeheure Scham aus. Es kostet mich Überwindung, meine damit einhergehenden Bedürfnisse zu artikulieren, weil ich sie nicht erklären kann. Sie ist da, als Teil meiner Person und Persönlichkeit und leider nicht wie die gängige Herzschmerz mit einem Verfallsdatum versehen.

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