Herbstkopf

Aber der Herbst kommt, genau wie der Winter und ihre Dunkelheit ist beiden egal. In ihr kommt Trübsal ohne Grund, die einen von hinten umarmt und nach Cello klingt.

Es ist Herbst und alles fühlt sich plötzlich anders an, geschmackloser und grauer. Das Aufstehen fällt schwer und nach den schönen Ausblicken muss in den nächsten Monaten gesucht werden. Mich beengt diese Zeitspanne jedes Jahr neu: Ich will nicht in diese Zeit hinein, die Bett und Couch die Oasen auf dem nieselregenträgen Treibsand werden lassen. Der Wechsel der Jahreszeiten ist schön und unheimlich gleichzeitig: Egal, wie wenig Du ihn möchtest, er kommt. Wann und wie lange: Beides nicht ganz klar. Diese Ausgesetztheit überzieht mich schon im Frühjahr und im Herbst umso mehr mit einer melancholischen Schicht der Hilflosigkeit gegenüber des allgemeinen Weltverlaufs. Es ist doch eine seltsame Sache, dass schon ein Wort, das ich spreche, zu Streit führen kann und ich damit einerseits beeinflussen kann, was um mich herum geschieht. Ich habe Macht genug über mein Leben, um all meine Jobs zu kündigen, den Hund ins Tierheim zu geben und nach Panama zu schiffen. Ich fühle mich hochentwickelt und modern, weil ich E-Scooter fahre und das Wetter der nächsten zwei Wochen auf meinem Handy nachgucken kann.

Und gleichzeitig habe ich so wenig Einfluss auf die Dinge um mich herum: Von den Entscheidungen anderer Menschen, die mich zu meinen Vor- oder Nachteilen betreffen bis hin eben zu diesem großen, ganzen Dings: Im Herbst fühle ich mich ohne Kontrolle und vielleicht ist das der Grund, weshalb ich zu dieser Zeit so gerne Fotos angucke. Die Vergangenheit ist zahm, ich kann sie in allen Stimmungen, aus allen Perspektiven betrachten, bewerten, neu betrachten, neu bewerten. Wie eine Schneekugel, die vom Schreibtisch gerutscht und heilgeblieben ist und deren glitzerndes Treiben sich inzwischen gelegt hat, sodass Landschaft und Figuren offenbart werden. Keine Welt, in die ich je zurück möchte, aber die Ruhe meiner Atmung, die in meinen Körper strahlt, wenn ich sie betrachte, die hätte ich gern für jetzt und danach.

Diese Unwägbarkeit bleibt schwierig und ab Herbst scheint über ihr nicht mal mehr die Sonne. Aber er kommt, genau wie der Winter und ihre Dunkelheit ist beiden egal. In ihr kommt Trübsal ohne Grund, die einen von hinten umarmt und nach Cello klingt. Eine Umarmung, die meine Haut dünner werden lässt, weil sie meinen Blick klärt und auf die Stellen richtet, die schmerzen werden. Eine wertschätzende Sorge in meinem Denken, das langsamer wird und genauer wie der Blick, der sich in der Dunkelheit schärft, um das Wesentliche beobachten zu können.

Ich merke, dass ich Hemmungen habe, aufzuschreiben, was dieser Laune zugrunde liegt, weil es so unbeherrschbar ist. Alles wiederholt sich, Arbeitstage, Einkäufe, Geburtstagsfeiern, Monate und Jahreszeiten. Aber wir wiederholen uns nicht, wahrscheinlich. Begegnungen mit Menschen wiederholen sich nicht für immer. Da gibt es dieses Ende, das sich irgendwann mit der schweren Gleichgültigkeit der Natur fallen wird.

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